Max Klinger in Leipzig : Tod und sehr viel Eros

Als Großkünstler noch wiederzuentdecken: Das Leipziger Museum der bildenden Künste würdigt Max Klinger zum hundertsten Todestag.

Klingers Beethoven-Skulptur (1902).
Klingers Beethoven-Skulptur (1902).Foto: Museum der bildenden Künste, Leipzig

Größe ist auch eine Frage der Körperhaltung. So wie dieser Beethoven auf seinem Thron hockt, ist er schon kein Genie mehr, sondern ein Gott. Gedankenschwer beugt er den Lockenkopf nach vorn, schockierenderweise ist sein Körper bis auf die Sandalen und ein über den Schoß gelegtes Tuch nackt. Unterwürfig sitzt ein Adler zu seinen Füßen, das Wappentier des Jupiter.

Beethovens Boxerfaust

Die monumentale Skulptur hat Max Klinger 1902 für die Ausstellung der Wiener Secession geschaffen, die dem Komponisten gewidmet war. Fünf Tonnen schwer stellte sie sogar Gustav Klimts berühmten Beethoven-Fries in den Schatten. „Niemals zuvor hat ein einzelnes Kunstwerk hier so die ganze Bevölkerung in Bewegung gebracht“, schrieb ein Kritiker. Ein anderer war davon beeindruckt, dass Beethovens Hände wie bei einem Boxer zu Fäusten geballt seien. Die Präsentation endete tatsächlich mit einem Knockout, allerdings für den Künstler. Die Wiener wollten das Werk nicht behalten, es kam zurück nach Leipzig und wurde vom Stadtrat für das Museum der bildenden Künste erworben.

Klingers "Kreuzigung" (1891)
Klingers "Kreuzigung" (1891)Foto: Museum der bildenden Künste Leipzig

Dort begrüßt Beethoven nun die Besucher der großen, über zwei Stockwerke führenden Ausstellung, mit der das Haus Klinger zu seinem hundertsten Todestag würdigt. Klinger, das hat man heute fast schon vergessen, gehörte nicht nur zu den erfolgreichsten und wirkmächtigsten Künstlern seiner Epoche, er war auch ein Revolutionär, der sich um Konventionen nicht scherte. Flankiert wird das Komponistendenkmal von zwei skandalträchtigen Werken des Malers, die seinerzeit als „Sündenfälle“ verdammt wurden. Gotteslästerung, lautete der Vorwurf.

Religion und Mythos

„Christus im Olymp“, ein wandfüllendes Gesamtkunstwerk mit Holzeinfassung, Marmorsockel und zwei Marmorskulpturen von 1897, zeigt den Heiland, wie er in einer paradiesartigen Landschaft den antiken Gottheiten entgegenschreitet. Dargestellt ist seine Ankunft, das Kreuz wird hinter ihm hergetragen, ein Mädchen wirft sich ihm zu Füßen. Es ist die Figur der Psyche, ihr Gemahl Amor weicht entsetzt zurück. Der mit Klinger befreundete Dichter Richard Dehmel fantasierte die Begegnung weiter aus, zu einer „hellgestirnten Hochzeitsnacht“. Eine Versöhnung von Religion und Mythos, ganz handfest.

Max Klinger
Max KlingerFoto: Museum der bildenden Künste Leipzig

Offensichtlicher ist die Provokation, die von Klingers Kreuzigungsszene ausgeht, ebenfalls ein Gemälde im Breitewandformat. Splitternackt ist Jesus ans Kreuz genagelt, man sieht ihn im Profil, die Füße nur einige Zentimeter über dem Boden. Maria trauert statuarisch, Maria Magdalena fällt theatralisch in Ohnmacht, im Hintergrund laufen zwei unbekleidete junge Männer erratisch durchs Bild, die in der biblischen Überlieferung fehlen. Ihre Unterkörper berühren einander fast. Tod und sehr viel Eros.

Als das Bild 1891 erstmals in München ausgestellt wurde, sah sich der Künstler gezwungen, die Genitalien des Gottessohns zwischenzeitlich zu übermalen. Klinger, 1857 in Leipzig geboren, war an den Akademien in Karlsruhe und Berlin ausgebildet worden. In Rom, wo er sich ab 1888 wiederholt aufhielt, begann er sich von den akademischen Idealen zu lösen. Ihn faszinierte das Unperfekte: verdrehte Körper, Farbflecken, unreines Inkarnat. Ein Freund attestierte ihm das „sorgfältige konsequente Falschzeichen vor der Natur“. Auch Scherze erlaubte er sich gern. Makaberen Ruhm erlangte sein Gemälde „Der pinkelnder Tod“, auf dem sich ein Skelett in einen See erleichtert.

Freundschaft mit Rodin

„Die Sinnlichkeit ist ein Grundpfeiler des künstlerischen Wesens“, schrieb Klinger aus Paris, wo er sich im Jahr 1900 mit Rodin anfreundete. Er vermittelte Sammler an den Kollegen, bewunderte insbesondere dessen Zeichnungen und organisierte Ausstellungen mit dessen Werken in Leipzig. Fast zwanzig Zeichnungen sind nun ins Museum der bildenden Kunst zurückgekehrt, als Leihgaben aus dem Pariser Musée Rodin. Rodin umriss Körper in wenigen dynamischen Strichen, brachte sie in einen Schwebezustand zwischen Raum und Fläche. Die spielerische Destabilisierung der Figur war sein Leitmotiv.

Klingers Skulpturen aus dieser Zeit, wie sein braves Relief „Die Schlafende“, können im direkten Vergleich mit Rodins wie zu einem Fels zusammengekauerter „Andromeda“ oder dem Körperknäuel einer Entführungsdarstellung („Ich bin schön“) nur verlieren. Ein großartiges, stark von Rodin beeinflusstes und noch halb im Marmorblock belassenes Figurenensemble schuf Klinger mit seiner Skulptur „Das Drama“, die heute dem Dresdener Albertinum gehört. Ein Pionier, auch das zeigt die Ausstellung, war der Bildhauer in anderer Hinsicht. Als Modell diente ihm ein früher Bodybuilder, Georg Stanglmaier, der als Berufsathlet unter dem Künstlernamen Rasso in Varietés und Zirkusshows auftrat.

Der Weg ins Phantastische

In Leipzig wird noch weiteren Künstlerbeziehungen nachgegangen. Mit Gustav Klimt war Klinger befreundet, er wurde korrespondierendes Mitglied der Secession, lehnte aber eine Berufung an die Wiener Universität ab, weil sie ihm nicht fünf Urlaubsmonate pro Jahr zugestehen wollte. Für Käthe Kollwitz ist Klinger ein Vorbild gewesen, sie sagte, in ihm „meinen Weg“ gefunden zu haben. Diese Verwandtschaft lässt sich vor allem in Klingers noch naturalistischen, sozialkritischen Radierungen erkennen, Revolutionsszenen oder seiner „Armen Familie“.

Klinger hat 14 grafische Zyklen geschaffen, und es ist atemberaubend zu beobachten, wie er sich dabei mehr und mehr ins Fantastische bewegt hat. Den Surrealismus nahm er dabei genauso vorweg wie Teile der Comic-Ästhetik. Sein letztes, in Leipzig vollständig zu bestaunendes Opus „Das Zelt“ beginnt in einer Jurte und begibt sich auf eine Reise durch vieldeutige Obsessionen (Leipzig, Museum der bildenden Künste, bis 16. August. Ab 16. Oktober in der Bundeskunsthalle Bonn. Der Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen).

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