Neue Lager in Hotan

Seite 2 von 4
Menschenrechte : Wie China versucht, die Kultur der Uiguren auszulöschen
Ilham Lutfi
Harter Hund. Parteisekretär Chen Quanguo unter Uiguren.
Harter Hund. Parteisekretär Chen Quanguo unter Uiguren.Foto: Tyrone Sui/Reuters

Die Situation

Ich stamme aus der Region Hotan im Süden von Xinjiang und bin das mittlere von fünf Kindern. Seit einem Jahr bemühe ich mich mit meinem älteren Bruder um einen türkischen Pass, weiß aber, dass er nur uns beiden zu etwas mehr Sicherheit verhelfen wird: Die Verfolgung von uns Uiguren macht nicht an der chinesischen Grenze halt. Sie beginnt mit Schikanen der Behörden, die einer meiner Schwestern drei Jahre lang die chinesische Meldebescheinigung, den hukou, verweigerten. Sie konnte keinen Ausweis beantragen und bekam infolgedessen keine Stelle. Die Verfolgung endet mit Inhaftierung, Bedrohung und Folter.

Erst vor Kurzem wurden in Hotan neue Lager eröffnet. Darin sind bis zu 1000 Menschen untergebracht. Daneben gibt es kleinere Umerziehungszentren und Gefängnisse. In den Lagern sind drei Gruppen interniert. Die erste hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Sie soll nur auf das offizielle chinesische Denken eingeschworen werden. Die Häftlinge dürfen pro Woche fünf Minuten lang telefonieren. Von denen erfahren wir hin und wieder, wie es dort zugeht. Der zweiten Gruppe wirft man wirtschaftliches Fehlverhalten vor. Der dritten Gruppe, die politisch abweichende Meinungen geäußert hat, gestattet man überhaupt keinen Kontakt nach außen.

Es werden auch weiterhin neue Lager gebaut. Kürzlich habe ich einen russischen Geschäftsmann getroffen. An der sibirischen Grenze zu China lässt er Hochhäuser bauen. Jetzt sind die Arbeiten zum Stillstand gekommen. Die Chinesen haben mich vernichtet, sagt er: Tausende von Bauarbeiter sind über Nacht verschwunden. Und wohin? Sie sind nach Xinjiang gegangen, um dort Lager zu bauen. Dort verdienen sie drei bis viermal mehr als im kalten Sibirien. Sie bekommen schöne Hotels, werden respektiert und haben obendrein das Gefühl, der eigenen Regierung zu helfen.

Die Auswirkungen

Die Politik der Unterdrückung zerstört ganze Familien, weil sie Zwietracht zwischen denen sät, die gehen konnten, und denen, die bleiben müssen. Mein bester Freund hat einen Bruder, der ihn inzwischen hasst. Dieser Bruder ließ sich von den Sicherheitsbehörden anstellen, wurde nach einigen Monaten aber auf einen Schlag arbeitslos. Du hast einen Angehörigen im Ausland, sagte man ihm, das können wir nicht gebrauchen. Nun muss er sehen, wie er seine Familie durchbringt. Ein Professor verdient bei uns 5000 Yuan im Monat (rund 630 Euro), ein Sicherheitsmann im Offiziersstatus über 10 000 Yuan. Ein anderer Freund steckt seit zwei Jahren im Gefängnis, weil er ins Ausland telefoniert hat. Wenn er rauskommt, wird auch er mich hassen. Denn anders als ich wird er niemals die Chance haben, China zu verlassen.

Gott sei dank ist gerade nur ein einziger meiner Brüder interniert. Aber was geschieht, wenn er in zwei, drei Jahren freikommt? Er wird über seine Erlebnisse niemals offen sprechen – schon gar nicht mit unserem Vater. Er wird seinen Schmerz mitnehmen und aus lauter Angst schweigen. Das ist für mich noch schlimmer als die Gefangenschaft selbst.

Ich kenne einen klugen Mann, der saß zehn Jahre lang im Gefängnis. Zu seinem Sohn, dessen Geburt er nach der Verhaftung nicht einmal mehr erleben konnte, hat er nie eine normale Beziehung aufbauen können. Im Gefängnis lief er mit dem Kopf buchstäblich gegen die Wand, jahrelang war er angekettet. Sobald mit ihm jemand über Politik sprechen will, bittet er einen, aufzuhören.

Gerade Intellektuelle werden in den Umerziehungslagern trübsinnig. Zum Beispiel Sajide Tursun, eine junge Soziologin, die auf eine chinesische Schule gegangen ist, in Shanghai studiert hat, mit einem Stipendium der Max-Planck-Gesellschaft nach Deutschland kam, dort summa cum laude promovierte und zu Fragen religiöser und ethnischer Diversität geforscht hat. Ihr schwerkranker, im Rollstuhl sitzender Vater hatte ihr gesagt: Wenn Du nach dem Studium zu mir kommst, dann stehe ich endlich wieder auf! Und obwohl sie von der Lage in Xinjiang wusste, brach sie Ende letzten Jahres auf. Noch am Flughafen wurde sie festgenommen und in ein Lager gebracht. Drei Monate später starb ihr Vater, ohne dass sie ihn gesehen hatte. Sie sitzt bis heute im Lager.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

9 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben