Messen in Schanghai : Chinas neue Kunstmetropole

Zwei Messen, eine Biennale, große Ausstellungen und eine geplante „Museumsmeile“: Wie Schanghai den chinesischen Kunstmarkt befeuert.

Eva Karcher
Erleuchtet. Den Stand der Galerie David Zwirner beherrscht eine fluoreszierenden Installation von Dan Flavin.
Erleuchtet. Den Stand der Galerie David Zwirner beherrscht eine fluoreszierenden Installation von Dan Flavin.Foto: West Bund Art

Diese Augen. Öffnen sich einen Spalt weit, klimpern unter langen Wimpern, weiten sich groß und blau, rollen den Blick und richten ihn wie Scheinwerfer auf das Gegenüber. Mit seinem animatronischen, ungefähr auf Kniehöhe in die Wand montierten doppelten Augenpaar „Oculus animi index“ flirtet der britische Künstler Ryan Gander mit dem Betrachter – und führt ihm gleichzeitig die eigenen Wahrnehmungsreflexe vor.

Die unwiderstehliche Arbeit am Stand von Esther Schipper auf der „West Bund Art & Design“ ist eines von zahlreichen Highlights der staatlich finanzierten Messe unter der Direktion des Künstlers Zhou Tiehai. Seit 2014 konzentriert er sich nicht mehr auf seine Malerei, sondern auf die Leitung der Messe und den weiteren Aufbau des West Bund Art Center auf einem ehemaligen Industriegelände. In nur 100 Tagen wurde für die fünfte Jubiläumsausgabe eine zweite hohe Halle mit Glasdach fertiggestellt, sodass sich die internationalen Topgaleristen auf 20 000 Quadratmetern nun großzügig inszenieren können.

Warum zwei Messen gleichzeitig?

Gagosian, Hauser & Wirth, Zwirner, Ropac, Pace, Marlborough, Blain Southern, Continua und Emmanuel Perrotin, der auch in Schanghai eine Galerie führt, dazu Platzhirsche wie Pearl Lam, ShanghArt oder Arario sind nicht nur hier präsent. Wie Krinzinger, Boers-Li, Chantal Crousel oder Kamel Mennour residieren sie auch auf der parallel stattfindenden, bereits 2013 von den Sammlern Kylie Ying und David Chau sowie dem PR-Experten Bao Yi Feng gegründeten Messe „Art021“ im Shanghai Exhibition Center.

Warum zwei Messen gleichzeitig? „Es ist unser Beitrag zur Stärkung der Region“, erklärt Marc Payot von Hauser & Wirth diplomatisch. „Solidarität den Gründern gegenüber nennt Thaddaeus Ropac als Argument, und Chantal Crousel – wie Kamel Mennour zum ersten Mal als Aussteller in Schanghai – meint: „Es ist ein Test. Wir wollen herausfinden, welche Messe besser zu uns passt.“ Doch abgesehen von der doppelten Investition ist der Kraftakt für die Händler extrem und am Ende kaum sinnvoll, zumal die Sammler, darunter Uli Sigg, Budi Tek oder Désiré Feuerle, jeweils dieselben sind. Während die rund 110 Aussteller aufweisende Art021 außerhalb der Riege der Crème de la Crème, zu der noch der New Yorker Gavin Brown, The Third Line aus Dubai und Vitamin Creative Space aus Guangzhou zählen, mit überwiegend lokalen Ausstellern sehr ausfranst, ist das Niveau der 115 West-Bund-Galeristen durchgehend hoch. Zudem ist es der Ehrgeiz der Organisatoren, das Areal laut Direktor Zhou Tiehai zu einer hochkarätigen neuen „Museumsmeile“ zu entwickeln. Gleich neben den Messehallen kann man etablierte Galerien wie Ota Fine Arts oder Edouard Malingue besuchen; auch das Yuz Museum, Long Museum und TANK Shanghai liegen in der Nähe – ein von dem Unternehmer, Nachtclubbesitzer und Sammler Qiao Zhibing gegründeter Projektraum. Weitere Eröffnungen sollen 2019 das Start Museum und das West Bund Art Museum sein, das zudem eine fünfjährige Kooperation mit dem Centre Pompidou plant.

Verkäufe sind selten spontan

Solche Rahmenbedingungen und Perspektiven machen das Engagement der Galeristen nachvollziehbar. 46 000 Dollar koste ihr Stand von 100 Quadratmetern, erklärt Esther Schipper, er sei günstiger als Basel. Wie bei vielen ihrer Kollegen bewegt sich das Preisspektrum für Werke ihrer Künstler zwischen 2500 und 300 000 Euro. So auch bei dem Züricher Peter Kilchmann, der ein faszinierend vielschichtiges Gemälde des Schweizer Künstlers Marc-Antoine Fehr anbietet, „Midas“ (80 000 CHF), eine Replik auf den phrygischen König, für den sich alles, was er berührte, in Gold verwandelte. Eva Presenhuber widmet Ugo Rondinone eine Solopräsentation aus bronzenen Fischen (je 30 000 $) und einer Buntglasuhr (40 000 $); Einzelpräsentationen zeigen auch Ropac mit einer Auswahl virtuoser Gemälde von Alex Katz sowie seinem Cut-Out der drei Badenixen (450 000–650 000 $) und David Zwirner mit einer musealen, fluoreszierenden Installation von Dan Flavin (3,5 Mio. $). Auch eine monumentale Wandarbeit von Jordan Wolfson bei Sadie Coles beeindruckt (325 000 $), der im kommenden Jahr Ausstellungen im Castello di Rivoli und Kunsthaus Bregenz haben wird.

Verkäufe sind in Schanghai selten spontan, sie müssen vorbereitet werden, erzählen mehrere Händler. Einige bangen deshalb bis zum letzten Tag. Doch zahlreiche Galeristen wie Monika Sprüth oder Lisa Spellman (303 Gallery) sind inzwischen gut vernetzt. Schanghai mit seinem modeaffinen Glamour und seiner etwas europäischeren Ausstrahlung feiert die zeitgenössische westliche Kunst in dieser Woche geradezu enthusiastisch. Louise Bourgeois im Long Museum, Cindy Sherman in der Fosun Foundation, Matthew Day Jackson im Qiao Space, Joseph Beuys im HOW Art Museum, Francis Alys im Rockbund Museum und die von Udo Kittelmann in der Prada Villa Rong Zhai kuratierte Ausstellung von Liu Ye bieten einen Parcours der Superlative. Dazu die 12. Shanghai Biennale: Mehr geht nicht.

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