"MeToo"-Debatte : Die Macht und ihr Missbrauch

Ein Thema des Jahres ist die „MeToo“-Bewegung. Welche Folgen hat sie bisher, und wie soll und kann es weitergehen?

Das US-Magazin "Time" kürte fünf "Silence Breakers" zur "Person des Jahres". Mutige Frauen, die das Schweigen über sexuellen Missbrauch gebrochen haben: die Schauspielerin Ashley Judd, die Sängerin Taylor Swift, die Lobbyistin Adama Iwu, die IT-Expertin Susan Fowler und die Landarbeiterin Isabel Pascual.
Das US-Magazin "Time" kürte fünf "Silence Breakers" zur "Person des Jahres". Mutige Frauen, die das Schweigen über sexuellen...Foto: REUTERS

Für die Frauen und den Film fängt das nächste Jahr gar nicht schlecht an. Nämlich mit Sally Hawkins, Frances McDormand und Meryl Streep – sie spielen die Hauptrollen in jenen drei US-Filmen, die die Oscar-Saison dominieren. Der Vorlauf der Golden-Globes-Nominierungen macht es wahrscheinlich, dass der Fantasy-Thriller „The Shape of Water“, das Rachedrama „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und das Biopic „The Post“ mit Streep als „Washington Post“-Chefin Katharine Graham bei den Oscars zu den Favoriten zählen. Drei Filme von Regisseuren, aber mit Frauen im Zentrum. Zudem setzt Jessica Chastain ihre Serie der Heldinnenfilme im Frühjahr fort, mit „Molly’s Game“ über die Poker-Mogulin Molly Bloom.

Wie ungewöhnlich das ist, zeigt ein Blick auf die letzten Oscar-Jahrgänge. „Moonlight“, „La La Land“, „Spotlight“, „Birdman“ oder „12 Years A Slave“ tragen zwar dem Ruf nach mehr diversity Rechnung, aber es sind Männersujets mit männlichen Helden. Frauen kommen meist nur über die Liebe ins Spiel.

Tut sich was in Hollywood? Im Windschatten von „MeToo“ und der Debatte über Frauenrechte und Frauenbilder seit dem Weinstein-Skandal geben die aktuellen Nominierungslisten Anlass zur leisen Hoffnung. Der Kinohit zum Jahreswechsel, „Star Wars: The Last Jedi“, bekennt sich ebenfalls unmissverständlich zur Sache der Frauen. „Auch Mädchen finden Laserschwerter cool“, sagt Lucasfilm-Chefin Kathleen Kennedy und durchsetzt die gute alte „Star Wars“-Truppe mit immer mehr Sternenkriegerinnen.

Was die weltweite Kampagne unter dem Hashtag „MeToo“ mit mehreren Millionen Tweets betrifft, hofft Kennedy, eine mächtige Frau im US-Filmbusiness, auf weitere Sensibilisierung in Sachen Machtmissbrauch und Sexismus. Damit die Täter sich nicht länger schützend hinter „Ruhm und Reichtum“ verschanzen können, gründete sie mit Kolleginnen und Juristinnen eine „Kommission gegen sexuelle Belästigung und für das Voranbringen von Gleichberechtigung am Arbeitsplatz“. Auch Männer wie der Disney-Chef Bob Iger oder Netflix-Boss Ted Sarandos unterstützen die Initiative.

Wie viele Feminismusdebatten muss es noch geben, bis sich was ändert?

Dabei fährt einem bei aller Hoffnung doch der Schreck darüber in die Glieder, dass im Jahr 2017 solche Kommissionen in der vermeintlich so gleichberechtigten westlichen Hemisphäre immer noch nötig sind. Nach 50, nein, nach gut 100 Jahren Frauenrechtskampf. Wie viele Feminismusdebatten, Alice-Schwarzer-Auftritte, Missbrauchsskandale und „Thelma & Louise“-Frauenfilmwellen muss es eigentlich noch geben?

"Star Wars" kennt neuerdings Sternenkriegerinnen: Rey (Daisy Ridley) trifft Luke Skywalker (Mark Hamill) in "Star Wars - Die letzten Jedi".
"Star Wars" kennt neuerdings Sternenkriegerinnen: Rey (Daisy Ridley) trifft Luke Skywalker (Mark Hamill) in "Star Wars - Die...Foto: dpa/Disney

Das grelle Scheinwerferlicht, das seit den Enthüllungen über die sexuellen Übergriffe des Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein Anfang Oktober auch auf andere fällt, auf Männer im Unterhaltungsbusiness, in der Kultur und der Politik, hat das Thema zwar mit Wucht in die Öffentlichkeit katapultiert. Und hat es modifiziert: Auch Männer sind Opfer, Frauen als Täterinnen wurden bislang nicht identifiziert. Was aber immer noch weitgehend im Schatten bleibt, ist die strukturelle Gewalt, die jenseits der Promi-Welt kein bisschen weniger existiert.

All die Schlagzeilen über Weinstein, Kevin Spacey, den Amazon-Studiochef Roy Price, den Comedian Louis C. K., Rapper, TV-Moderatoren und viele mehr, all die mutigen Erfahrungsberichte von Stars wie Salma Hayek ändern wenig, wenn nicht die sexualisierte Gewalt abseits des Glamours nachhaltig in den Fokus rückt. In der Familie, der Jugendarbeit, der Kirche, im Sport, in Bildungseinrichtungen, am Arbeitsplatz. Es geht um die Beziehung zwischen Autoritäten und Untergebenen überall dort, wo es Schutzbefohlene gibt und Abhängigkeitsverhältnisse herrschen. Um Machtstrukturen, Rollenbilder, Chauvinismus, Schweigekartelle.

Erst wenn das Recht des Stärkeren nicht mehr gilt, war der Weinstein-Skandal nicht umsonst

Frauen sind keine besseren Menschen. Sie sind auch nicht von Natur aus die Opfer oder die Schwächeren. Aber erst wenn Schluss ist mit der Gleichsetzung von Macht und Männlichkeit, erst wenn das Recht des Stärkeren (egal ob Mann oder Frau) anderen zivilisatorischen Regeln weicht, könnte auch Schluss sein mit sexualisierter Gewalt. Erst dann war der Weinstein-Skandal nicht umsonst.

Jahrelang blieb er unbehelligt. Mit massiven Vorwürfen gegen den Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein begannen die jüngsten Enthüllungen Anfang Oktober.
Jahrelang blieb er unbehelligt. Mit massiven Vorwürfen gegen den Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein begannen die jüngsten...Foto: AFP

Frauen als Blockbuster-Heldinnen, Schweigebrecherinnen als „Person des Jahres“ auf dem „Time“-Cover, es sind wirkungsvolle visuelle Statements. Auch die ersten realen Folgen von „MeToo“ können sich sehen lassen. Mächtige Männer verlieren ihre Jobs, Karrieren sind beendet, es wird ermittelt, geklagt. Kevin Spacey wurde aus einem Film herausgeschnitten, Netflix beendete die Zusammenarbeit. Der Hip-Hop-Mogul Russell Simmons gab die Leitung seiner Firmen ab - auch wenn der in die Rap-Kultur eingeschriebene Frauenhass bislang seltsam unterbelichtet bleibt. James Levine dirigiert nicht mehr an der Met. New-York-City- Ballettchef Peter Martins legte sein Amt nieder. Sam Haskell, Chef des Schönheitswettbewerbs Miss America, wurde suspendiert. Nach Übergriffs-Vorwürfen wurde auch der Dirigent Charles Dutoit in London von Konzertverpflichtungen entbunden. US-Kongressabgeordnete stehen am Pranger, der Republikaner Roy Moore verlor die Nachwahl in Alabama, der britische Vize-Premier Damian Green trat zurück.

Gerät bei Künstlern das Werk selbst in Misskredit? Ein knifflige, bislang kaum erörterte Frage. Kann man „House of Cards“ jetzt noch gucken? Den nächsten Polanski- oder Woody-Allen-Film? Auch Allen zählt ja zu den jahrzehntealten Verdachtskandidaten. Rigide Moralcheck- Webseiten, wie therottenappl.es, die Serien und Filme auf den Index setzen, simplifizieren da auch wieder nur.

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