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Leben in einer geteilten Stadt. Vor der Mauer, Gartenstraße, Ost-Berlin, 1962.

© Bernard Larsson / Galerie Poll / Kunstbibliothek SMB

Bernard Larsson in der Galerie Poll: Mittendrin im Zeitgeschehen

Er dokumentierte die Anti-Schah und Anti-Springer-Demonstrationen, aber auch das alltägliche Leben in einer geteilten Stadt. Fotos von Bernard Larsson in der Galerie Poll.

„Geht doch rüber“, riefen Passanten den Demonstranten nicht nur in West-Berlin zu, als die Außerparlamentarische Opposition in der zweiten Hälfte der Sechziger gegen Restauration und Vietnamkrieg auf die Straße ging. Dieser Aufforderung war der deutsche Fotograf Bernard Larsson – aufgrund des Vaters ausgerüstet mit schwedischem Pass – bereits kurz nach dem Mauerbau zuvorgekommen. 1939 in Hamburg geboren, aufgewachsen in München, absolvierte er dort an der Bayerischen Staatslehranstalt eine Ausbildung zum Fotografen.

1959 ging Larsson nach Paris, wo er als Assistent für den amerikanischen Fotografen und Regisseur William Klein arbeitete. Als Larsson aus den Nachrichten vom Mauerbau erfuhr, zog es ihn an den Brennpunkt der Weltpolitik, um dort die Situation in der zweigeteilten Stadt zu dokumentieren. Bis 1968 blieb Larsson in West-Berlin und fotografierte für den "Stern". Nun zeigt die Galerie Poll Vintageprints jener Jahre (Unikate, Silbergelatineabzüge auf Baryt, rückseitig signiert und gestempelt, von 800 - 2000 €). Bis 8.Januar ist auch seine Ausstellung „Leaving is Entering“ im Museum für Fotografie zu sehen.

Interesse für den Alltag der einfachen Leute

„Wer die DDR angreift, wird vernichtet.“ So martialisch lautete 1962 die Botschaft eines nach West-Berlin gerichteten DDR-Banners am Spreeufer in Treptow. Der Ton auf beiden Seiten war unversöhnlich. Die Konfrontation und der studentische Aufbruch der Sechziger leben in Larssons Schwarzweiß-Fotografien wieder auf. Die beklemmenden Szenen des von Krieg und Teilung gezeichneten Berlins stehen in starkem Kontrast zum unbekümmerten Spiel der Kinder auf beiden Seiten der Mauer: ein Junge mit Spielzeugpistole in Ostberlin. Seine Beine spiegeln sich auf der regennassen Gartenstraße, im Hintergrund ist die Grenzanlage zu sehen. Die Tristesse scheint den Jungen nicht zu stören.

Mit einem Blick für Komik enthüllt Larsson das hohle Pathos der Propaganda. „Sozialistisch studieren – sozialistisch leben“, lautet der Appell in Frakturschrift in einem verlassenen Seminarraum der Humboldt-Universität. Doch neben der antagonistischen Propaganda auf beiden Seiten interessierte sich Larsson vor allem für den Alltag der einfachen Leute. Stadtflaneure, Zeitungsverkäufer, Schaufensterdekorationen, Vergnügungsstätten und Sportveranstaltungen zählen ebenso dazu wie Porträts zeitgenössischer Künstler und Literaten, darunter Helene Weigel, Wolf Biermann, Günter Grass, Peter Handke und des kürzlich gestorbenen Andrzej Wajda.

Als die Studentenproteste die Innenstadt West-Berlins bestimmten, war Larsson mit der Kamera dabei. Seine Sympathie für diesen Aufbruch ist deutlich spürbar. Die Fotografien von den Anti-Schah- und Anti-Springer-Demonstrationen zeigen das Geschehen, manchmal etwas verwackelt unscharf, aber aus dem Zentrum der Akteure.

Galerie Poll, Gipsstr. 3, bis 14.1.; Di bis Sa 12–18 Uhr (23.12. bis 2.1. geschlossen)

Matthias Reichelt

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