München als Kunststandort : Reich und sexy

Der Standort München befindet sich im Aufwind. Eine Gruppe junger Galeristen dynamisiert die lokale Szene und baut ein globales Netzwerk auf.

Eva Karcher
Die Welt dreht sich weiter. Das Gemälde „Sie hat es sich jetzt anders überlegt“ von Malte Zenses entstand 2020.
Die Welt dreht sich weiter. Das Gemälde „Sie hat es sich jetzt anders überlegt“ von Malte Zenses entstand 2020.Foto: Sebastian Kissel; Courtesy: Sperling, München

Schwarze Kleckse im freien Fall, zwei hängen an Fäden. Viren? Spermien? Im Zentrum der zur Hälfte schieferblau bemalten Leinwand schwebt eine Weltkugel mit einem vielsagend grinsenden Smiley-Gesicht. Auf Deckweiß der Satz: „avoid the abyss, when embracing it is the only way forward“.

Der paradoxe Satz vom Abgrund, den es zu vermeiden gilt, weil er einen sonst nie mehr loslässt, ist ein Zitat aus der Netflix-Serie „Matrjoschka – Russian Doll“, in der eine junge Frau am Ende ihrer Geburtstagsparty stirbt, am nächsten Tag wieder aufersteht, erneut stirbt, wieder aufersteht.

Sie ist gefangen in der Horrorvision ewigen Todes – oder ewigen Lebens? Das wunderbar lakonische Gemälde von Malte Zenses mit dem Titel „Sie hat es sich jetzt anders überlegt“ spiegelt eine Gegenwart, die in einer Zeitschleife aus Panik und Apathie gefangen scheint.

Doch in der Galerie von Johannes Sperling, in der das Werk des in Berlin lebenden Künstlers hängt, herrscht Zuversicht. Die Phase des Lock down hat Sperling, der aus Berlin kommend 2016 in München Ausstellungsräume eröffnete, wie die meisten seiner Kollegen „einigermaßen gut“ überstanden.

Ein paar alte Verkäufe wurden abgewickelt, kaum neue getätigt. Aber seitdem die Galerien wieder geöffnet sind, kommen die Sammler aus Stadt und Region vermehrt vorbei. Sie bringen viel Zeit mit – und kaufen. „Weil sie nicht reisen können, widmen sie sich den Angeboten vor Ort“, sagt Sperling.

Various Others: Gäste aus anderen Kunststandorten

Allmählich kehrt jener Aufwind wieder, den einige jüngere Galeristen, darunter Jo van de Loo, Enkel des großen Händlers des europäischen Informel Otto van de Loo, und Tim Geißler, Partner der Galerie Jahn und Jahn, seit ein paar Jahren zu erzeugen versuchen. Sie gründeten einen „Verein zu Förderung der Außenwahrnehmung Münchens als Kunststandort“ (VFAMK) und starteten 2018 die Initiative „Various Others“.

Elf Galeristen sind inzwischen Mitglieder, ihre Mission: die Differenz zwischen dem Image Münchens als etwas selbstgefälligem, zu wenig innovativen Gegenwartskunstort und seinem tatsächlichen Potenzial für den zeitgenössischen Kunstmarkt und die Kunstszene zu verkleinern.

So vernetzen sich zum Saisonstart Anfang September zum dritten Mal nicht nur Münchner Museen, Institutionen, Off Spaces, Kunsträume, die Akademie und Galerien miteinander. „Wir sind außerdem Gastgeber für Kollegen aus anderen Städten wie New York, Wien, Paris, Madrid, London oder Berlin“, erzählt van de Loo, „ich zum Beispiel für den Züricher Galeristen Beat Raeber.“

„Die Präsenz auswärtiger Galerien bereichert München“, meint auch Walter Storms, der mit der Berliner Galeristin Esther Schipper kooperiert. Umgekehrt findet diese „das persönlichere Format“ sympathisch: „Auf Messen können wir kaum Verbindung zu den jeweiligen Städten aufbauen, jetzt haben wir die Chance.“

Die fehlenden Messen des Corona-Jahres treffen die Münchner Galeristen unterschiedlich stark. „Weil die Art Cologne und die Art Brussels nicht stattfanden, lagen unsere Umsätze im April um 30 Prozent niedriger“, sagt Matthias Jahn, Mitbesitzer von Jahn und Jahn. Die Händler sparten zwar Transport- und Reisekosten. Doch dass die Art Basel fehlte, spürten sowohl Rüdiger Schöttle als auch Silke Thomas, Mitbesitzerin der Galerie Thomas: „Wir machten kleine You Tube- und Walk Through-Videos“, erklärt sie. „Aber nichts kann das Live-Erlebnis ersetzen.“

Dass die Art Basel fehlte, spürten sie alle

In diesem Punkt sind sich alle Galeristen einig – ebenso darin, dass man die eigenen virtuellen Auftritte aufbauen oder intensivieren müsse. Rund 1500 Euro habe er bisher für virtuelle Rundgänge ausgegeben, meint Wolfgang Jahn, der die Galerie Pfefferle unter dem Label Jahn Pfefferle übernommen hat.

Von etwa 2000 Euro spricht Deborah Schamoni, die sie in Viewing Rooms und andere online-Aktivitäten gesteckt habe. Das „interaktive Moment“ hält Andreas Binder am wichtigsten, um die virtuelle Plattform seiner Galerie zu optimieren. „Ich denke sogar über eine App nach“, sagt er im Gespräch.

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Als einer der drei Vorstände der seit dreißig Jahren bestehenden „Initiative Münchner Galerien zeitgenössischer Kunst“ beobachtet Binder „Various Others“ mit Wohlwollen: „Sie erweitern unser Modell.“ 51 000 Euro erhält die Initiative vom Kulturreferat für Organisation und Durchführung der Open Art am zweiten Septemberwochenende sowie die Produktion eines zweimonatlich erscheinenden Faltblattes.

„Various Others“ werden bisher mit einer Anschubfinanzierung von 10 000 Euro unterstützt und einer kleinen Summe vom Ressort München Tourismus. „Hier gibt es noch Luft nach oben“, meint Christine Mayer, und Bernd Klüser ergänzt: „Es ist wichtig, dass München als Kunststandort wieder mehr in den internationalen Fokus gerät.“

München als neuer Hot Spot der deutschen Kunstmarkt-Landschaft?

Die Basis hierzu ist geschaffen. Wie Wien, dessen Galerien jährlich mit beträchtlichen Summen von der Kulturabteilung gefördert werden und dessen Kunstszene seitdem boomt, könnte auch München zum Hot Spot der deutschen Kunstmarkt-Landschaft werden.

Begründeten Galeristen wie Six Friedrich, Sabine Knust, Rüdiger Schöttle, Bernd Klüser, Walter Storms, Fred Jahn, Raimund Thomas oder Karl Pefferle seit Mitte der sechziger Jahre Münchens Internationalität als Kunststandort, so sind es jetzt deren Kinder, Partner oder Nachfolger und die nächste Galeristen-Generation, die Handel und Szene dynamisieren.

[www.variousothers.com; www.muenchner-galerien.de]

Vor allem die coronabedingte Verschiebung von eher globalen hin zu eher lokalen und regionalen bis innereuropäischen Aktivitäten und Engagements könnte München und seine kreative Szene weiter beleben.

„Die kreativen Netzwerke zwischen den Städten könnten sich so intensivieren, und die jeweils ansässigen Sammler würden zusätzliche künstlerische Positionen entdecken“, erhofft sich Matthias Kunz, Partner der Galerie Knust. Die Umbrüche betreffen alle, entscheidend aber ist, sie als Chancen zu nutzen. Die Münchner Kunstszene tut es.

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