Nach dem Serienerfolg : „Downton Abbey“ scheitert am Kino

In sechs Staffeln machte „Downton Abbey“ Geschichte sinnlich. Ein Kinofilm sollte nun den Erfolg der Serie krönen. Das klappt nur bedingt.

Königstreu, traditionsversessen, fixiert auf Etikette. Jim Carter als Butler Charles Carson in „Downton Abbey“.
Königstreu, traditionsversessen, fixiert auf Etikette. Jim Carter als Butler Charles Carson in „Downton Abbey“.Foto: Focus Features LLC

Lord Grantham ist eine Stütze der Gesellschaft. Aus dem glücklichen Umstand, der Erbe eines „großen Hauses“ in Yorkshire zu sein, leitet er die Verantwortung ab, sich nicht allein um das eigene Wohlergehen zu kümmern, sondern vor allem auch um jene Leute, die auf seinem Grundbesitz leben und arbeiten. Der Autor Julian Fellowes, selber Mitglied des englischen Hochadels, hat eine Figur geschaffen, mit der sich die Zuschauer der Fernsehserie „Downton Abbey" problemlos identifizieren können. Obwohl kaum einer von ihnen zur upper class gehört.

Der Lord, edelmütig gespielt von Hugh Bonneville, ist deshalb so sympathisch, weil er Veränderungen in seinem gewohnten Lebensrhythmus vermeiden möchte. Wie jeder Normalbürger auch. Er sieht zwar, dass er sich dem Neuen, dem Innovativen öffnen müsste, damit er das erhalten kann, was ihm lieb ist: das Gewohnte, Traditionelle. Doch braucht er einen Anstoß von außen, der ihn unsanft in Richtung Zukunft stubst.

„Downton Abbey“ beginnt mit dem Untergang der „Titanic“, bei dem Lord Granthams Nachfolger ums Leben kommt. Nach den komplizierten Erbfolgeregeln rückt ein unbekannter, ferner Verwandter nach – der auch noch ein Bürgerlicher ist! Matthew, ein Arztsohn aus Manchester, erzwingt mit seinem Blick von außen den Wechsel in der Lebensführung der noblen Familie, stellt die Landwirtschaft nach kapitalistischen Prinzipien um, damit das stolze Anwesen den bewegten Zeitläuften des frühen 20. Jahrhunderts trotzen kann, während ringsherum die vergangenheitsfixierten hochwohlgeborenen Familien ihre Besitztümer verlieren.

Sehnsucht nach dem Gestern

Die sechs Staffeln von „Downton Abbey“ bedienen eine Sehnsucht nach dem vermeintlich guten Gestern. Doch das Skript von Fellowes setzt nicht nur auf Schauwert der edlen Interieurs und eleganten Kostüme. Die Serie ist mehr als ein Historienschinken: Sie ist ein Gesellschaftspanorama, das nicht nur das Lieben und Leiden der feinen Herrschaften zeigt, sondern auch die Lebenswirklichkeit ihrer Angestellten.

„Upstairs, downstairs“ hieß Anfang der siebziger Jahre das Vorbild dieses Edutainment-Genres, in Deutschland bekannt und geliebt als „Das Haus am Eton Place“. Was oben in den Salons passiert, ist so wichtig wie das, was unten im Dienertrakt gesprochen und gedacht wird.

Wer heute den Schauplatz der Serie besucht, Highclere Castle in der Grafschaft Hampshire, findet alles so vor wie auf dem Bildschirm: den weitläufigen Park mit den Libanonzedern, die säulengeschmückten Tempelchen, sogar die Wildblumenwiese, die prächtig eingerichteten Gesellschaftsräume in einem Schloss, dessen Kern tatsächlich einmal ein Kloster war, eine Abbey, und das der Architekt des Londoner Parlaments im 19. Jahrhundert in einen Neorenaissance-Traum umbaute.

Die Räume der Dienerschaft allerdings wurden im Studio nachgebaut, das Zimmer, in dem der Butler Carson vor dem Dinner feine Weine mit zeremonieller Ernsthaftigkeit durch ein Leintuch dekantiert, den Aufenthaltsraum der Domestiken, in dem ständig die Glöckchen am großen Klingelbrett ertönen, weil die Herrschaft Hilfe beim Ankleiden oder Tee-Eingießen braucht, die Küche, in der so heiß gekocht wie politisch diskutiert wird.

Von der Serie zur Touristenattraktion

Für den Earl of Carnavon, den Besitzer von Highclere Castle, war die TV-Serie ein Glücksfall. Seitdem finanzieren Touristen den Unterhalt des ehrwürdigen Gemäuers, der sich auf eine Million Pfund pro Jahr beläuft. In einer Dokumentation von 2013 über Highclere Castle beim Streamingdienst Netflix sagt der heutige Butler, während er akribisch den Abendbrottisch nach jahrhundertealten Regeln deckt: „Wir müssen unbedingt die Standards aufrechthalten. Sind sie einmal weg, kommen sie nie wieder.“

Exakt so redet sein fiktives Alter Ego in „Downton Abbey". Jim Carter ist dort als Mr Carson noch königstreuer, traditionsversessener und etikettefixierter als sein Arbeitgeber – und mindestens so distinguiert. Überhaupt bezieht die Serie einen beträchtlichen Reiz aus dem absurden Umstand, dass Teile der Dienerschaft stärker an dem anachronistischen Brimborium des aristokratischen Lebensstils hängen als die Adligen selber. Während andere sich von den Idealen des Sozialismus entflammen lassen. Einschließlich einer Tochter von Lord Grantham, die schließlich sogar den Chauffeur heiratet.

Was ihre Großmutter partout nicht verstehen will. Hinreißend hochnäsig spielt Maggie Smith diese Countess Violet, die Klassenunterschiede als gottgegeben ansieht und es schon für einen Verfall der Sitten hält, wenn die Herren abends im Smoking statt im Frack zum Dinner erscheinen. Denn natürlich sind diese Adligen Snobs, gefangen in einem Kokon aus Konventionen und elitärer Erziehung. Die Widersprüchlichkeit aller Figuren aber, die liebevolle und dabei differenzierte Zeichnung der Charaktere macht die Qualität von „Downton Abbey“ aus.

Eine Überzahl an Handlungssträngen im Film

All das fehlt nun völlig in dem Kinofilm zur Serie. Weil sich die Macher nicht entscheiden konnten, ob sie nur die Fans bedienen wollen, die seit vier Jahren auf eine Fortsetzung warten. Oder ob sie auch all jene ansprechen sollen, die sich noch nicht im komplexen Kosmos der Grantham-Dynastie auskennen.

Für die TV-Serie war Julian Fellowes allein verantwortlich. Bei der Kinoproduktion haben definitiv zu viele Köche den Brei verdorben. Die Überzahl an Handlungssträngen führt dazu, dass jeder einzelne Aspekt nur angetippt werden kann, die Personen schablonenhaft bleiben.

Die Dialoge bleiben uninspiriert

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Besuch von King Georg V. auf Downton im Jahr 1927, wodurch das Miteinander der sozialen Schichten in den Hintergrund tritt, zugunsten einer belanglosen Kabbelei zwischen den royalen Lakaien, die wie Invasoren in der Provinz einreiten, um den Besuch des Königs vorzubereiten, und der kaltgestellten örtlichen Dienerschaft, die die Ehre ihres Hauses verteidigen will.

Ein geplantes Attentat auf den Monarchen, das Outing des schwulen Dieners Thomas, die uneheliche Tochter einer Hofdame und eine Königstochter als „desperate housewife“, eine Parade und ein Ball als Augenpulver – all dass musste auch noch mit rein. Zu allem Überfluss wirken die sonst so brillanten Dialoge weitgehend uninspiriert.

Den größten Lacher hat Lady Mary, wenn sie am Morgen der königlichen Visite in die Sonne blinzelt, nachdem es in der Nacht zuvor noch Katzen und Hunde geregnet hatte, und sagt: „Gott muss ein Monarchist sein.“ Wenn in einer Konversation gar nichts mehr geht, das weiß man sogar als Bürgerlicher, bleibt als letzte Rettung nur der Plausch übers Wetter.

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