Antieuropäisches Ressentiment und EU-Mitgliedschaft

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Nachlass von Imre Kertész : Schicksal eines Schicksallosen
Der ungarische Literaturnobelpreisgewinner Imre Kertész, der im März 2016 starb.
Der ungarische Literaturnobelpreisgewinner Imre Kertész, der im März 2016 starb.Foto: DPA/Georgios Kefalas

Mit Hafner am Tisch sitzt Mária Schmidt, die Generaldirektorin der Stiftung. Sie war zuletzt Generalbeauftragte für das Gedenkjahr 1956 und koordiniert neuerdings die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Schmidt, die durch das Erbe ihres Mannes András Ungár auch zu einer millionenschweren Unternehmerin wurde, der unter anderem das Wochenblatt „Figyelö“ (Achtung) gehört, gilt seit Jahren als Chefhistorikerin der Fidesz-Regierung. Was Linkenhass, die rhetorische Jagd auf den Staatsfeind George Soros und antieuropäisches Ressentiment bei gleichzeitiger EU-Mitgliedschaft angeht, steht sie Viktor Orbán in nichts nach. Jede Kritik am fragwürdigen Demokratieverständnis der Regierung betrachtet sie, wie man erst jüngst in einem Streitgespräch mit der US-Historikerin Anne Applebaum lesen konnte, als Einmischung in die Souveränität Ungarns..

Schmidt kennt Kertész seit den 70er Jahren. „Der ,Roman eines Schicksallosen’ war erschienen“, erinnert sie sich, „und hatte mir sehr gefallen. Wir trafen uns öfter in Gesellschaft oder im Kino, und es bewegte ihn, dass jemand diesen Roman gelesen hatte. Als 1990 meine erste historische Studie ,Kollaboration oder Kooperation’ über den Budapester Judenrat erschienen war, hat er mich sehr gelobt. Es entwickelte sich eine stabile Freundschaft, die sich nach seiner Rückkehr nach Ungarn noch einmal intensivierte, übrigens auch mit Magda.“

Was deren Sohn betrifft, nimmt sie kein Blatt vor den Mund. „Sass kann die Rechte schon deshalb nicht zurückerhalten, weil er sie nie hatte. Er lebte nicht in Ungarn. Als Stiefsohn aus erster Ehe ist er kein Blutsverwandter, und zwischen ihm und Imre herrschte keine harmonische Beziehung. Das sahen sowohl seine Mutter wie Imre so. Als es mit beiden aufs Ende zuging, waren sie übereinstimmend der Meinung, dass man ihm den Nachlass nicht anvertrauen könne. Es war eine sehr konkrete Bitte von Imre, dass er nicht in die Hände von Márton T. Sass fallen soll.“ Wenn man vom Blut-und-Boden-Argument absieht, weist Mária Schmidt, wie jeder aus dem Kertész-Umkreis bestätigt, zurecht auf die spannungsreiche Konstellation zwischen Mutter, Sohn und Stiefvater hin.

Und wie erklärt sie die späte mentale Wendung von Berlin in Richtung Budapest? „Kertész war ein ungarischer Schriftsteller“, sagt sie, „ein ungarischer Patriot, und er blieb es. War Heinrich Heine etwa kein deutscher Schriftsteller, weil er lange in Frankreich lebte? Dass es Momente gab, in denen Kertész die Nase voll hatte von den ungarischen Verhältnissen, lässt sich nicht leugnen. Aber Ungarns Schriftsteller waren schon vor hundert Jahren so. Wenn Sie wüssten, was Endre Ady, Attila József oder György Petri alles über ihr Land sagten, würden Sie das vielleicht anders sehen.“

Finessen des Erbrechts

Márton T. Sass war zu keiner Auskunft bereit, auf welcher Grundlage er die Schenkungsurkunde anficht. Denkbar sind aber drei Argumente. Zum einen könnte er behaupten, dass seine krebskranke Mutter nicht mehr bei Verstand war, als sie ihre Unterschrift leistete, bevor sie eine gute Woche später starb. Das wird schwer zu beweisen sein. Zum anderen könnte er ihr das Recht streitig machen, ihm diesen Teil des Erbes vorzuenthalten. Auch das wird, nachdem er in Form von Immobilien und Vermögen offenbar längst über mehr als den Pflichtteil verfügt, kaum durchzusetzen sein. Schließlich könnte er sich angesichts der nur von Hand unterzeichneten Vereinbarung auf das Fehlen einer notariellen Beurkundung berufen. Das ungarische Erbrecht kennt neben der komplett handschriftliche Verfügung aber auch das bloße Testat im Beisein von zwei Zeugen: Diese waren in Gestalt von Zoltán Hafner und László Farkas zugegen.

Sass hat also einen schweren Stand. Dazu kommt, dass es ihn selbst im Fall eines Sieges wohl überfordern würde, sich selbst um die Rechte zu kümmern. Er wird, wenn er sie nicht verkauft, die Arbeit einem Nachlassverwalter überlassen müssen. Vom Portfolio her würde sich dafür die mächtige, in London und New York ansässige und um exorbitante finanzielle Forderungen nie verlegene Agentur von Andrew – „dem Schakal“ – Wylie anbieten. Sie betreut unter anderem die Nachlässe der Nobelpreisträger Albert Camus, Saul Bellow und Czeslaw Milosz. Ob das ein glücklicher Ausgang wäre?

Die Absicht der politischen Vereinnahmung von Kertész lässt sich nicht vom Tisch wischen. Die Gefahr der Verfälschung hält sich allerdings in Grenzen. Nicht nur, dass Eingriffe anhand der Originalmanuskripte jederzeit nachzuweisen wären. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass Hafner ein treuer Diener seines verstorbenen Herrn sein will, auch wenn er von vielen Seiten als politisch naiv beschrieben wird: Sich mit der Stiftung einzulassen, hat ihn von vielen Weggefährten isoliert. Überhaupt lässt sich Kertész nur unter Mühen umdeuten. Ja man könnte glatt behaupten, dass seine Bücher angesichts der autokratischen Verhältnisse subversive Kraft besitzen.

So finden lauter unglückliche Umstände zusammen. Ein Familienzerwürfnis. Der Leichtsinn einer Akademie, sich nicht rechtzeitig mit der Erbfrage beschäftigt zu haben. Das Unglück eines kleinen Landes, das Machthaber und Oppositionelle in eine unheimliche Nähe bringt. Und ein zerfallendes Europa, das sich zwischen Ost und West kaum noch über gemeinsame Werte verständigen kann. Der Erinnerung an Imre Kertész würde es wohl am meisten helfen, sich über alle Gräben hinweg zusammenzuraufen.

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