"Meine sämtlichen Manuskripte gehen in die Emigration"

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Nachlass von Imre Kertész : Schicksal eines Schicksallosen
Der ungarische Literaturnobelpreisgewinner Imre Kertész, der im März 2016 starb.
Der ungarische Literaturnobelpreisgewinner Imre Kertész, der im März 2016 starb.Foto: DPA/Georgios Kefalas

Hatte Kertész nicht in seinen unter dem Titel „Der Betrachter“ erschienenen Notizen im Jahr 2000 notiert: „Es ist beschlossen, meine sämtlichen Manuskripte gehen in die Emigration und suchen (oder finden?) damit eine neue Heimat für sich.“ 2001 nahm er, um seiner ungarischen Depression zu entfliehen, eine Arbeitswohnung an der Spree. Im Herbst 2002, kurz vor der Verleihung des Nobelpreises, berief ihn das Wissenschaftskolleg in Dahlem als Fellow. Anschließend bezog er eine Wohnung in der Meinekestraße, die er erst 2012, schwer parkinsonkrank, auf Drängen seiner in Berlin nie heimisch gewordenen Frau wieder zugunsten von Budapest aufgab.

Wie passt die Entschiedenheit dieser vielfach dokumentierten Haltung zur Budapester Vereinbarung, die besagt, dass die Schenkung dem mündlich geäußerten Willen des Schriftstellers entspreche? Ist sie womöglich die krasseste Ungereimtheit im Leben eines sonst unbeugsamen Mannes, der 2014 mit dem von Viktor Orbán im Jahr zuvor neu aufgelegten Sankt-Stephans-Orden die höchste Ehrung seines Landes annahm? Er billigte damit auch die unselige Tradition der ursprünglich habsburgischen Auszeichnung, die zuletzt 1944 unter dem antisemitischen Reichsverweser Miklós Horthy vergeben worden war. Endlich von einem Land umarmt zu werden, das ihn selbst nach dem Nobelpreis von links ignorierte und von rechts attackierte, muss ihm so geschmeichelt haben, dass er darüber vielleicht vergessen wollte, wem er diese Gunst verdankte. Vielleicht glaubte er auch, das Spiel nach seinen Regeln spielen zu können: Ihr könnt mir soviel Honig ums Maul schmieren, wie Ihr wollt, ich behalte meinen eigenen Kopf!.

Der Sohn von Magda Kertész hat Klage eingereicht

Was immer ihn trieb: Zwischen dem Budapester Institut und der Berliner Akademie herrscht derzeit eine wechselseitige Blockade. Die einen beanspruchen die Urheberrechte am geistigen Nachlass, haben die Urkunde aber noch nicht vorgelegt. Die anderen bewahren, ohne bisher viel damit angefangen zu haben, den größeren und wertvolleren Teil der Manuskripte auf, darunter unveröffentlichte Tagebücher. Sie verfügen aber nur über das Recht auf wissenschaftliche Kleinzitate und Paraphrasen. Die Budapester wiederum hätten gerne digitale Kopien der Berliner Bestände. Sie haben sich gegenüber Magda Kertész verpflichtet, ein nach ihrem Mann benanntes Institut einzurichten und die im In- und Ausland befindlichen Materialien zu publizieren. Derzeit dürfen sie aber nur im Lesesaal der Akademie am Robert-Koch-Platz Einsicht in die Archivalien nehmen.

Die Situation wird dadurch kompliziert, dass der einzige Erbe weit und breit, Magda Kertész’ Sohn aus erster Ehe, Klage gegen die Stiftung eingereicht hat, die sich davon in ihrer Arbeit aber nicht berührt sieht. Márton T. Sass, ein amerikanischstämmiger Immobilienmakler, der als tschechischer Gebietsleiter der in ganz Ostmitteleuropa tätigen White Star Real Estate auch Geschäfte in Budapest macht, will die Schenkungsurkunde für nichtig erklären lassen.

Das Glück der zweiten Ehe. Imre und Magda Kertész im Jahr 2008. 1995 war seine erste Frau Albina gestorben.
Das Glück der zweiten Ehe. Imre und Magda Kertész im Jahr 2008. 1995 war seine erste Frau Albina gestorben.Foto: REUTERS/Marcel Mettelsiefen

Dabei ist vermutlich schon das Wort vom geistigen Nachlass strittig. Denn die Weltrechte am veröffentlichten Werk von Imre Kertész besitzt, mit Ausnahme von Ungarn, der Hamburger Rowohlt Verlag – bis zum gesetzlichen Ablauf der Regelschutzfrist 70 Jahre post mortem auctoris. Über die ungarischen Rechte verfügt der Budapester Magvetö Verlag, die meisten davon allerdings nur bis zum Jahr 2020. Was wird dann geschehen? Rowohlt sieht sich für den Konfliktfall gewappnet, erkennt zurzeit aber keine Notwendigkeit zu eigenem Handeln.

Verabredung mit Zoltán Hafner, dem Direktor des Kertész-Instituts, im Café Gerbeaud am Vörösmarty-Platz. Der Literaturwissenschaftler ist wohl der beste ungarische Kenner des Werks. Er begegnete Kertész 1994 an der Universität in Szeged, wo er unter anderem zu dem katholischen Dichter János Pilinszky forschte, dessen Blick auf Auschwitz Kertész als verwandt empfand. Hafner führte 2003 nicht nur ein großes Interview mit Kertész, das dieser unter dem Titel „Dossier K.“ zu einer bewegenden Selbstbefragung umarbeitete. Er war bis zu Kertész’ Tod auch ein enger Vertrauter.

„Imre hinterließ uns rund 1800 Dateien von zusammengerechnet 10 000 Seiten, die er mir im Jahr 2011 oder 2012 übergab“, sagt Hafner. „Danach schrieb er mehr oder weniger auf meinem Computer. Den gesamten Nachlass haben wir ausgedruckt. Es gibt auch einen persönlichen Teil, der nicht zum literarischen Schaffen gehört. Den wollte er nicht nach Berlin geben. Zum Beispiel die Dokumente über seine Mutter oder seine erste Frau Albina. Oder die Zeitungsartikel aus den Jahren 1947 bis 1949.“

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