Nachruf auf Irm Hermann : Raus aus dem Kleinbürgermief

Irm Hermann erhob die Unscheinbarkeit zur Kunst. Jetzt starb die Fassbinder-Schauspielerin im Alter von 77 Jahren.

Irm Hermann in dem Fernsehmehrteiler "Acht Stunden sind kein Tag" (1972) von Rainer Werner Fassbinder.
Irm Hermann in dem Fernsehmehrteiler "Acht Stunden sind kein Tag" (1972) von Rainer Werner Fassbinder.Foto: imago/Prod.DB

Vielleicht muss man sich die Rettung von Irm Hermann aus dem kleinbürgerlichen Mief der Bundesrepublik wie einen Film vorstellen, einen Fassbinder-Film, mit dieser unwiderstehlichen Energie aus Pathos, Idealismus und naivem Aktionismus.

Hermann arbeitete 1966 als Sekretärin beim ADAC, mit dem jungen Fassbinder hatte sie gerade den Kurzfilm „Der Stadtstreicher“ gedreht, als der eines Tages im Büro aufkreuzte und ihrem Vorgesetzten „Ausbeutung“ seiner wertvollsten Angestellten vorwarf. Am nächsten Tag erschien Irm Hermann nicht mehr zur Arbeit. Mit ihrer neuen Clique zog sie danach nächtelang um die Häuser.

Die Ausbeutung, eine Form von emotionaler Geiselhaft, übernahm Fassbinder von da an einfach selbst. Hermann wurde die erste seiner vielen weiblichen Musen (RWF hielt sich auch männliche). Mit dem harten Kern um Peer Raben, Hanna Schygulla, Kurt Raab, Ingrid Caven und Harry Baer gründeten sie kurz darauf in München die Gruppe „Antitheater“, aus der 1968 Fassbinders Langfilmdebüt „Katzelmacher“ hervorging.

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Die Rolle der verhärmten, bornierten Elisabeth musste sie in den 18 Filmen, die Hermann mit ihm drehte, wieder und wieder variieren. Ihre einzige Hauptrolle, als garstige Ehefrau, gab ihr Fassbinder in „Händler der vier Jahreszeiten“, für den sie 1972 mit dem „Filmband in Gold“ ausgezeichnet wurde.

Bei Fassbinder war sie auf die Spießerin abonniert

Zwar wird der Name Fassbinder für immer mit der Erinnerung an Irm Hermann verbunden bleiben, die am Dienstag nach kurzer Krankheit mit 77 Jahren starb. Man denkt aber nicht automatisch an die Figur der bigotten, unterwürfigen Kleinbürgerin, auf die sie bei Fassbinder abonniert war, wenn man sich an Hermann erinnert, die mit ihrer bodenständigen, unaffektierten Liebenswürdigkeit in ihrer zweiten Karriere zu einer der beliebtesten Theater- und Fernsehschauspielerinnen wurde.

Irm Hermann sei die einzige, die sich über ihn beschweren dürfte, hat Fassbinder seiner langjährigen Partnerin Juliane Lorenz verraten, weil er sich ihr gegenüber wie ein „Arschloch“ verhalten habe. Er, Hermann und Peer Raben hatten Anfang der Siebziger in einer Art Dreiecksbeziehung gelebt.

Sie brauchte lange, um sich aus diesem übermächtigen Schatten zu lösen. Es half, dass sie 1975 ihren Mann, den Kinderbuch-Autor Dietmar Roberg, kennenlernte und mit ihm nach Berlin ging. Für Fassbinder stand sie danach noch zweimal vor der Kamera, in „Lili Marleen“ und „Berlin Alexanderplatz“. Ihre letzte gemeinsame Szene in Wolf Gremms Cyberpunk-Thriller „Kamikaze 89“ wurde aus dem fertigen Film geschnitten.

„Schauspielerin wider Willen“

Aber ohne den genialen Zampano Fassbinder wäre aus Irm Hermann wohl kaum diese unnachahmliche Darstellerin geworden, die sich stets ihre Unbefangenheit bewahrt hat. Fassbinder sei der erste gewesen, der sie ernst genommen habe, hat sie vor einigen Jahren der „Zeit“ erzählt. Dafür sei sie ihm, trotz aller Erniedrigungen, auf ewig dankbar. Eine „Schauspielerin wider Willen“ hat RWF sie anfangs genannt.

Diesen Unwillen, eine Figur bloß zu verkörpern, statt sich selbst ein stückweit treu zu bleiben, hat sie auch auf Theaterbühne zur unscheinbaren Kunst erhoben – als Mitglied des Berliner Ensembles, in Inszenierungen von Christoph Marthaler und Christoph Schlingensief.

Schlingensief war der zweite wichtige Regisseur

Aber unscheinbar war Irm Hermann nie, auch wenn sie neben gestandenen Darstellerinnen wie Hanna Schygulla und Margit Carstensen vor der Kamera stand, zuletzt 2016 in der Tatort-Episode „Wofür es sich zu leben lohnt".

Schlingensief war für Hermann ein anderer wichtiger Regisseur, mit dem sie die Liebe zu Fassbinder teilte. Sie drehten „Das deutsche Kettensägenmassaker“ und „Die 120 Tage von Bottrop“ und bereisten Namibia, ein Projekt, das Schlingensief zu ihren Bedauern nie realisierte.
Dass ihrem Humor keine Grenzen gesetzt sind, hat sie später auch an der Seite von Loriot in „Pappa ante portas“ sowie in „Fack Ju Göhte 3“ bewiesen. Unerschrocken war Irm Hermann. Und dabei verstand sie es wie kaum eine zweite, mit ihrem leicht quecksilbrigen Blick in die Kamera zu schauen, als könne sie kein Wässerchen trüben.

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