Der Fall Gurlitt ist vielleicht gar nicht so außergewöhnlich.

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NS-Beutekunst : Gurlitt ist nur der Anfang
25 von 1406. So viele Bilder wurden bis jetzt auf www.lostart.de veröffentlicht.
25 von 1406. So viele Bilder wurden bis jetzt auf www.lostart.de veröffentlicht.Foto: AFP

Der Fall Gurlitt, so überraschend er in seiner Dimension sein mag, ist vielleicht gar nicht so außergewöhnlich. Glaubt man dem Kunstdetektiv und Beutekunstexperten Robert Edsel, werden in den nächsten Jahren Hunderttausende von Kunstwerken auftauchen, die im Krieg verschwanden. Er schrieb über die Arbeit der alliierten Kunstoffiziere nach dem Zweiten Weltkrieg das Buch „Monuments, Fine Arts, and Archives Program“. Im Februar kommt die Story unter dem Titel „The Monuments Men“ ins Kino, von und mit George Clooney.

Die „Beutegeneration“ und ihre direkten Kinder sterben aus. „Alles, was auf Dachböden, in den Kellern und an den Wänden ist, wird den Besitzer wechseln“, sagte Edsel über Kunst und Wertbesitz, der im Chaos des Zweiten Weltkriegs und der Judenverfolgung geraubt, geplündert, verscherbelt und verschoben wurde, um dann Jahrzehnte im Stillen zu verschwinden – wie im Fall Gurlitt. Im Film bemühen sich Clooney und Matt Damon als heroische Kunsthistoriker der ersten Stunde um die Beutekunst. 70 Jahre später ist die Sache komplizierter und noch unübersichtlicher geworden. Ist Deutschland institutionell und moralisch darauf eingestellt?

„Der Fall Gurlitt wirft ein Licht auf Deutschland“, sagt Anne Webber. „Die Menschen fragen sich, wie es möglich ist, dass diese Dinge nicht nach dem Krieg angepackt wurden, warum so viele NS-Händler ihre Kunst behalten durften, warum diese Werke nicht zurückgegeben wurden, warum so viele Werke nicht erforscht wurden, obwohl sich Deutschland vor 15 Jahren dazu verpflichtet hat. Sie fragen sich, wie es möglich ist, dass das Tempo der Restitution in Deutschland so langsam ist, wie es möglich ist, dass es keinen wirklichen Prozess für Rückforderungen ohne Interessenkonflikte gibt, wie es möglich ist, dass Provenienzforschung auf so intransparente Weise durchgeführt wird, warum Informationen nicht mitgeteilt werden.“

Anne Webber lobt die Anstrengungen, die Kulturstaatsminister Bernd Neumann unternommen hat, um mehr Schwung in die Sache zu bringen, unter anderem mit der Überarbeitung der „Handreichung“ zur Washingtoner Erklärung 2007 und einer Geldspritze für Provenienzforschung. Aber wirklich transparent und aktiv ist Deutschlands Umgang mit dieser Erblast deshalb nicht geworden. Dabei würde gerade das allen Beteiligten helfen, mahnt Webber. Oft enden Kompromisse und gütliche Vergleiche damit, dass die Werke in den Museen und Sammlungen bleiben. Aber je mehr Geld die Familien für Rechtsanwälte ausgeben müssen, je länger sich die Streitigkeiten hinziehen, je mehr Erben Ansprüche anmelden können, desto teurer wird es.

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