Öko-Dystopie „Weizen“ : Wenn die Welt unbewohnbar geworden ist

Majestätische Ödnis: Semih Kaplanoğlus bildgewaltige Endzeitparabel „Grain - Weizen“ über die Gefahren von Klimawandel und Gentechnik.

Esther Buss
Ermin Bravo und Jean-Marc Barr in "Weizen".
Ermin Bravo und Jean-Marc Barr in "Weizen".Foto: Piffl / Hoehne

Wenn der Wissenschaftler Erol Emrin (Jean-Marc Barr) im Weizenfeld zu Boden sinkt, formt sich sein Körper zu einem Fragezeichen. In der aus der Vogelperspektive gefilmten Einstellung schwingt auch etwas Regressives mit: zurück zur Natur. Die makellos kadrierte Einstellung gehört zu den Signaturen von Semih Kaplanoğlus bildgewaltiger Endzeitparabel „Grain - Weizen“, in der die Film behandelten Relationen zusammenfinden: Mensch und Erde, Partikel und Universum, entgrenztes Dasein und Ego.

Der durch seine „Yusuf“-Trilogie bekannte türkische Filmemacher – „Honig“ wurde 2010 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet –, verbindet in „Weizen“ Topoi des dystopischen Kinos mit der visuellen Sprache eines gepflegten Arthousekinos. In kontrastreichen, oft symmetrisch arrangierten Schwarzweiß-Tableaus (Kamera: Giles Nuttgens) schildert er eine Welt nach dem Sündenfall. Nach einer Klimakatastrophe ist der Planet nahezu unbewohnbar. Außerhalb einer geschützten Zone, die vom Militär mit elektrischen Barrieren abgeriegelt ist, kämpfen die Menschen in der verseuchten Ödnis ums Überleben. Doch auch die elitäre Enklave ist durch Missernten bedroht. Schuld daran ist die genmanipulierte Agrarproduktion, die – so der Genetiker Cemin Akman (Ermin Bravo) -–die Verbindung zwischen dem ersten und letzten Reiskorn zerstört hat. Auf der Suche nach dem Theoretiker des „genetischen Chaos“ begibt sich Emrin in die desolaten „Deadlands“, seine Odyssee verarbeitet Motive der griechischen Mythologie sowie Elemente des Sufismus. Als Emrin seinem Lehrmeister schließlich begegnet, wechselt auch der Film in einen Predigerton: Verrätselte Weisheiten wechseln mit esoterischen Kalendersprüchen über die Hybris der Menschheit.

Die Verwandtschaft mit Andrei Tarkowskis Science-Fiction-Klassiker „Stalker“ ist offensichtlich, auch wenn Kaplanoğlus poliertes Epos nie dessen hypnotische Stimmung erreicht. „Weizen“ stellt die Majestätik der Industrieruinen von Detroit und die Landschaften Anatoliens allzu ehrgeizig aus. Auch gibt sich das, was Kaplanoğlu als Erkundung der Innenwelten behauptet, immer wieder als fortschrittsfeindliche Lektion zu erkennen. Dem Fragezeichen stehen eine Menge Ausrufezeichen gegenüber.

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