Oliver Reese inszeniert „Panikherz“ : Mal so richtig die Hauptstadt rocken

Exzess, Absturz - und reichlich Udo Lindenberg-Songs: Intendant Oliver Reese inszeniert Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“ am Berliner Ensemble.

Zersplittertes Ich. Oliver Reese hat den autobiografischen Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre für vier Schauspieler adaptiert.
Zersplittertes Ich. Oliver Reese hat den autobiografischen Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre für vier Schauspieler adaptiert.Foto: Julian Roeder

Unglaublich, was da bei schummriger Bar-Beleuchtung im Berliner Ensemble verbissen im Udo-Takt gehüpft, an Luftgitarren herumgezupft und der Mikrofonständer hyper-hyper-schräg gehalten wird! Hier will man’s, so die Botschaft, richtig krachen lassen. Wie Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem autobiografischen Bestseller „Panikherz“ eben, diesem knapp sechshundertseitigen Exzess- und Absturzrapport, den BE-Intendant Oliver Reese hier als pausenlosen Zweistünder auf die Bühne bringt. Mit reichlich Lindenberg-Songs.

Das Problem ist nur: Es kracht nicht! Da kann Nico Holonics noch so ranschmeißerisch Visitenkarten ins Publikum werfen und Carina Zichner hochleistungssportiv die beiden Treppenstufen auf und ab turnen, die Hansjörg Hartung an die Rampe seiner Hotellobby-Bühne mit Late-Night-Bar gebaut hat. Da kann Bettina Hoppe ein behauptungsexzessives Nightlife-Philosophem nach dem anderen aus sich herausschleudern („Das Meer ist eindeutig der Punk in der Natur“), Laurence Rupp sich als Udo-Lindenberg-Verschnitt einen Wolf imitieren und die flankierende Live-Band in die Tasten hauen, als würden hier demnächst die Grammys verliehen: Der Ton stimmt einfach nicht.

Ein Lebensschilderung mit Ironiefilter

Klar: Stuckrad-Barres Roman liest sich – unter anderem – als Superselbstüberschätzungsdokument. Die Kindheit im „Müsli“-Pastorenhaushalt in Rotenburg an der Wümme, die rührend-haltlose Udo-Lindenberg-Verehrung nebst späterer Idol-Ab- und Wieder-Rückkehr, die ersten präpotenten Plattenverrisse als selbstempfundener Göttinger Lokal-Musikkritikerpapst und die Gagschreiberweihen bei Harald Schmidt. Dann der Popliteraten-Aufstieg, die Alkohol-, Klub- und Drogenexzesse von Hamburg bis Berlin und schließlich die Bulimie, der Absturz und die Entzugsklinikaufenthalte: All das schildert Stuckrad-Barre nicht nur sehr genau (was den Roman zumindest im zweiten Teil auch zu einem ernstzunehmenden Krankheitsreport macht). Sondern er presst es auch genüsslich durch sämtliche verfügbaren Ironie- und anderweitigen Distanzierungsfilter.

Allerdings erteilt der Autor (der zur Premiere übrigens nicht explizit gesichtet wurde) die größte Sarkasmus-Packung eigentlich immer sich selbst: Wenn Rotenburg an der Wümme lächerlich ist, dann ist der kleine Benni, der sich darüber erhebt, mit Sicherheit noch einen Tick lächerlicher. Das lässt die kalkulierte Präpotenz von „Panikherz“ ziemlich sympathisch wirken. Und, gemessen an der BE-Bühnen-Variante, fast schon dialektisch.

Mehr Mühe als Exzess

Denn dort erscheint alles irgendwie merkwürdig behauptet, angeschafft. Und, mit Verlaub, ein bisschen so, als sei der Protagonist bis heute nicht rausgekommen aus Rotenburg. Da sitzt zum Beispiel Carina Zichner im Sweatshirt auf der Treppe und intoniert „Wümme“ mit einer augenverdrehenden Teenie-Mauligkeit, als sei sie nicht nur just zu einer lebenslänglichen Versicherungsangestellten-Karriere verdonnert worden, sondern auch bei Reeses Intendanz-Vorgänger Peymann in die Schule gegangen.

Dass der neue BE-Chef, der hier seine erste eigene Inszenierung seit dem Amtsantritt im Herbst vorlegt, Stuckrad-Barres Ich-Erzähler-Figur auf vier Schauspieler verteilt, erweist sich auch nicht wirklich als hilfreich. Da versucht jede und jeder, eine andere Facette zu bedienen. Und keine davon vermag zu fesseln, weil alle vielmehr exzessbemüht wirken als tatsächlich exzessiv: Zichner gibt, wie gesagt, die Provinz-Genervte, Rupp am ehesten den nahezu rückstandsfreien Irgendwie-Normalo-Kumpeltyp von nebenan. Holonics verbiegt die romaninhärente Lächerlichkeit in Richtung Dödeltum, wogegen wiederum Bettina Hoppe – irgendwie verständlich – mit einer Art dionysischen Proseminar-Ernsthaftigkeit anzukontern versucht.

Kurzum: Das BE hat mit „Panikherz“ einen Abend hingelegt, der zwar stark genug beklatscht wurde, um die Schauspieler gleich noch mal zur Song-Zugabe auf die Bühne zu holen. Aber auch einen, der für die neue, mit vielen Vorschusslorbeeren gestartete Intendanz bis dato irgendwie typisch ist: Man würde gern auf allen Ebenen die Hauptstadt rocken. Zumal nach dem Castorf-Aus an der Volksbühne. Aber man hat’s bis jetzt (noch) nicht geschafft.

Mehr zum Thema

Wieder am 20. und 28. Februar

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben