• Opfer des Nationalsozialismus: Warum wird so beschämend wenig an die "Wehrkraftzersetzer" erinnert?

Opfer des Nationalsozialismus : Warum wird so beschämend wenig an die "Wehrkraftzersetzer" erinnert?

Franz Jägerstätter, Held des Films „Ein verborgenes Leben“, wurde von Nazis hingerichtet. Heute fehlt in Berlin ein zentrales Denkmal für „Wehrkraftzersetzer“.

Franz Jägerstätter (mit Motorrad) verweigerte den Eid auf Adolf Hitler.
Franz Jägerstätter (mit Motorrad) verweigerte den Eid auf Adolf Hitler.Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Bevor er seinen Schlagstock zieht, höhnt der SS-Wärter: „Glaubst du, dass irgendjemand etwas von dem mitkriegt, was hinter diesen Gefängnismauern passiert? Ich kann mit dir machen, was ich will.“ Dann beginnt er auf den Gefangenen einzuprügeln, bis der Mann bewusstlos wegsackt.

Terrence Malicks Dreistundenfilm „Ein verborgenes Leben“ erzählt die Passionsgeschichte des österreichischen Bauern Franz Jägerstätter, der den Kriegsdienst bei der Wehrmacht verweigerte und deshalb hingerichtet wurde. Bevor er am 9. August 1943 im Zuchthaus von Brandenburg an der Havel geköpft wurde, hatte der zutiefst fromme katholische Familienvater seine letzten Monate im Gefängnis Berlin-Tegel verbracht. Doch in der Hauptstadt erinnert heute nur noch wenig an Jägerstätter, der 2007 zu seinem 100. Geburtstag von der katholischen Kirche seliggesprochen wurde. Der Fall ist symptomatisch für den Umgang mit sogenannten „Wehrkraftzersetzern“, die erst spät Anerkennung als Opfer des NS-Regimes fanden.

Während in Deutschland bis zum Start von Malicks Spielfilm nur wenige Historiker Jägerstätters Namen kannten, war der glaubensfeste Österreicher in Amerika bereits bald nach dem Krieg zu einem Idol der Friedensbewegung aufgestiegen. Nachdem der Soziologe Gordon C. Zahn, Mitbegründer der katholischen „Pax Christi“-Initiative, 1964 seine Bestsellerbiografie „In Solitary Witness“ veröffentlichte, beriefen sich nicht nur viele Vietnam-Kriegsdienstverweigerer auf Jägerstätter, sondern auch der Whistleblower Daniel Ellsberg, der die „Pentagon Papers“ über die amerikanischen Kriegsverbrechen veröffentlichte.

„Aber ich bin doch frei“

Denn Jägerstätter – das unterscheidet ihn von vielen seiner Leidensgenossen, die ebenfalls ihr Leben ließen – hatte sich intensiv mit seiner Gewissensentscheidung auseinandergesetzt und seine Beweggründe auch niedergeschrieben. Im oberösterreichischen Örtchen St. Radegund, wo er mit Frau und drei kleinen Töchtern einen Bauernhof betrieb, hatte er 1938 als einziger Dorfbewohner gegen die „Wiedervereinigung“ mit dem Deutschen Reich gestimmt. Jägerstätter ließ sich zum Soldaten ausbilden, verweigerte aber im März 1943 den Eid auf Hitler. Deshalb wurde er festgenommen und zunächst ins Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis nach Linz gebracht.

Der unehelich geborene Sohn einer Bauernmagd, der über den Volksschulabschluss nicht hinauskam, stellte in hinterlassenen Schriften unbequeme Fragen: „Welcher Katholik getraut sich, diese Raubzüge, die Deutschland schon in vielen Ländern unternommen hat (...), für einen gerechten und heiligen Krieg zu erklären?“ Oder: „Warum soll denn jetzt für gerecht und gut befunden werden, was die Masse schreit und tut?“ In Briefen an seine Frau Franziska erkundigte er sich nach der Heuernte und den Nutzviehpreisen. Aus der Tegeler Einzelhaft versicherte er, er habe ein „sehr nettes Kämmerlein für sich allein“ gefunden. Über Folter verlor er schon deshalb kein Wort, weil die Zensoren mitlasen.

An seiner Überzeugung, dass es sündhaft wäre, für die Unterwerfungs- und Vernichtungspläne der Nationalsozialisten in den Krieg zu ziehen, hat Jägerstätter nie gezweifelt. Wenn er seine Worte „auch mit gefesselten Händen“ schreibe, sei das immer noch besser, „als wenn der Wille gefesselt wäre“. Im Film versucht sein Anwalt noch kurz vor der Hinrichtung den Gefangenen dazu zu überreden, ein Dokument zu unterschreiben, mit dem er sich zum Sanitätsdienst meldet. Dann werde er frei sein. „Aber ich bin doch frei“, entgegnet der von August Diehl gespielte Jägerstätter.

Seine Kinder hat man mit Steinen beworfen

Der Briefwechsel mit der Ehefrau, der 2007 in Österreich herauskam und zwei Jahre später auch in den USA erschien, bildete die Grundlage für Malicks Drehbuch. In Offtexten und Dialogen zitiert er immer wieder daraus. Wie wichtig dem tief religiösen, naturfrommen Regisseur die Dokumente sind, zeigt sich auch darin, dass er die beiden Hauptdarsteller August Diehl und Valerie Pachner beim Casting keine Szenen spielen, sondern Passagen daraus vortragen ließ.

Jägerstätter habe „ein Exempel“ gesetzt, er sei der „Beweis dafür, dass auch einfache Menschen das Regime durchschauen konnten“, sagt Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. In der Dauerausstellung des Museums in der Berliner Stauffenbergstraße ist Jägerstätter als rares Beispiel für den Widerstand aus katholischem Glauben heraus vertreten. Eine Wanderausstellung über ihn tourt seit 2009 durch Österreich und Ungarn.

Weil er sich gegen die Mehrheit stellte, wurde Jägerstätter, ein stiller Held ohne Missionsdrang, aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen. Seine Kinder hat man mit Steinen beworfen. Auch in der Amtskirche fand er keine Unterstützung. Der Pfarrer empfahl Opportunismus, der Linzer Bischof riet von der Wehrdienstverweigerung ab. Noch 2007 nannte ein katholischer Militärgeistlicher Jägerstätter ein „bedauernswertes Opfer eines irrenden Gewissens“ und zitierte das Hirtenwort eines Bischofs aus dem Jahr 1947: „Vaterlandsliebe bedeutet Treue. Wer die Treue bricht, ist ein Verräter.“

Als „Kameradenverräter“ geächtet

Diese ausgrenzende Haltung ist typisch für die Mehrheitsgesellschaft der Nachkriegszeit, die sich von jeglicher Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus freisprach, weil angeblich alle nur mitgemacht hatten, weil sie mitmachten mussten. Das Beispiel von Franz Jägerstätter oder eines evangelischen Leidensgenossen wie Hermann Stöhr, der als Kriegsdienstverweigerer 1940 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, empfanden die Mitläufer als Provokation.

Deshalb überrascht es wenig, dass bis heute keine gesicherten Opferzahlen vorliegen. Bis 1945 verhängten deutsche Militärgerichte mindestens 22 750 Todesurteile wegen Fahnenflucht, von denen etwa 15 000 vollstreckt wurden. Zum Vergleich: Im Ersten Weltkrieg hatte es nur 150 Todesurteile gegeben. Hinzu kommen 14 262 Verurteilungen wegen „Wehrkraftzersetzung“ oder „Defätismus“ bis zum Juli 1944. Danach explodierten wegen der Niederschlagung des Umsturzversuches vom 20. Juli und des Einsatzes fliegender Standgerichte gegen Kriegsende die Zahlen. Inzwischen geht man von mindestens 30 000 Toten aus.

Vielen Opfern oder ihren Angehörigen wurden in der Wirtschaftswunderära Entschädigungszahlungen verwehrt. Schließlich stünde Fahnenflucht in allen modernen Staaten unter Todesstrafe und es sei „nicht erwiesen“, dass die Verurteilten als „politische Gegner des Nationalsozialismus“ verfolgt worden seien, wie es in einem Bescheid von 1961 heißt. Während die Drangsalierten weiter als „Kameradenverräter“ geächtet wurden, setzten die meisten Staatsanwälte, die sie angeklagt, und Richter, die sie verurteilt hatten, ihre Karrieren ungebrochen fort.

Kein Denkmal für hingerichtete Deserteure in Berlin

Hugo Berger, einst Kriegsgerichtsrat bei der Feldkommandantur 238, stieg bis zum Bundesverfassungsrichter auf. Und der „furchtbare Jurist“ (Rolf Hochhuth) Hans Filbinger, der als Marinerichter ein Todesurteil noch nach der Kapitulation vollstrecken ließ, brachte als CDU-Ministerpräsident seine moralische Anpassungsfähigkeit auf die rechtspositivistische Formel: „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Im Zusammenhang mit diesem Vergessen und Verdrängen spricht Peter Steinbach von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Ralph Giordano zitierend, von einer „zweiten Schuld“. Erst mit einer Änderung des Gesetzes zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile wurden 2002 – mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende – Deserteure und Wehrdienstverweigerer pauschal als Opfer der NS-Militärjustiz rehabilitiert.

Und heute? Wer kennt noch die Namen von Josef Heinz und Wilhelm Glessner, Heinrich Dittgen oder Leo Josef Lamour? Sie alle starben, weil sie nicht für „Führer, Volk und Vaterland“ zur Waffe greifen wollten. Am ehemaligen Reichsmilitärgericht in der Charlottenburger Witzlebenstraße, wo er am 6. Juli 1943 zum Tod verurteilt wurde, hängt inzwischen eine Gedenktafel für Jägerstätter. Doch am Tegeler Gefängnis, dessen Backsteineingang auch in „Ein verborgenes Leben“ zu sehen ist, erinnert nichts an den Widerständler. Anders als in Hamburg, Bonn und Wien existiert in Berlin – der Stadt, von der der Zweite Weltkrieg ausging – kein zentrales Denkmal für die hingerichteten Deserteure, das ihre Namen festhält.

Der 8. Mai wäre ein gutes Datum für den Grundstein

„Wir stellen Generäle auf, deshalb sollten wir auch diejenigen ehren, die die Kraft hatten, Nein zu sagen“, sagt der Historiker Peter Steinbach. Auch Marcus Loges, der deutsche Koproduzent von „Ein verborgenes Leben“, findet den Umgang mit den Opfern der NS-Militärjustiz beschämend: „Aktiv an Menschen zu erinnern, die einen besseren Weg als den des offiziellen Rechts vorgeschlagen haben, war und ist hierzulande nicht sehr beliebt.“ Der bevorstehende 75. Jahrestag der Kapitulation vom 8. Mai 1945 wäre ein gutes Datum, um den Grundstein für ein Denkmal zu setzen.

Den Anstoß, Widerstand zu leisten, hatte Franz Jägerstätter schon 1938 durch einen Alptraum bekommen. Er sah einen Zug, „dem alles zuströmte“, unter Hochdampf ins Verderben fahren. Ein Bild, bei dem man heute sofort an die Deportationen in die Vernichtungslager denkt. Jägerstätter und sein verborgenes Leben sollten nicht wieder vergessen werden.

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