„Pinku-Eiga“-Filme im Forum : Bis der Futon ächzt

Den Sex besiegen: Das Forum zeigt drei „Pinku-Eiga“-Filme, ein japanisches Genre zwischen Erotik- und Kunstfilm.

Helmut Merker
Da sind sie noch nicht in der Sauna, die "Abnormal Family".
Da sind sie noch nicht in der Sauna, die "Abnormal Family".Foto: 2018 Kokuei / Rapid Eye Movies

Eine Viererbande gegen Sex, eine Familie jeder gegen jeden, ein Auftragskiller gegen die Unterwelt, das sind die handelnden Personen in den drei „Pinku-Eiga“-Filmen, eines in Japan populären Genres zwischen Erotik- und Kunstfilm. Seit den 60er Jahren gibt es über 5000 davon, sie sind mit unseren Softcore-Filmen vergleichbar, wollen aber mit eigenständigen Rahmenhandlungen über die bloße Aneinanderreihung von Sexszenen hinausgehen.

Darin freilich liegt gerade das Problem, besonders bei „Gushing Prayer“ (Regie Masao Adachi, 1971), das bedeutet etwa „Überschwängliches Gebet“. Panzer fahren durch die Stadt, Abschiedsbriefe jugendlicher Selbstmörder werden verlesen, zwei Mädchen und zwei Jungen zwischen 15 und 17 Jahren fungieren als Beispiel für die große Depression. Die Folge davon ist ihre totale Fixierung auf Sex in Gedanken, Worten und Taten. Als Gebet betrachtet ist das eine konsequent durchgeführte Litanei – besser: Gebetsmühle.

Ihr Hauptmotiv dabei ist, überraschenderweise: „Wir wollen den Sex besiegen“; damit sind alle Formen gemeint, die mit der kapitalistischen und kommerzialisierten Erwachsenenwelt zu tun haben. Peinlich genau gehen sie bei ihren ständigen Experimenten und der folgenden Analyse vor: Wie kann man das körperliche Gefühl vom mentalen Eindruck trennen? Gibt es einen Weg vom Sex in die Freiheit? Sie vergraben sich in eine solch obsessive Mechanik, dass nichts anderes herauskommt als rasender Stillstand, und dabei schauen sie ständig so sorgenvoll, als erwarteten sie ein Menetekel an der Wand, das ihnen den Weltgeist Hegels erklärt. Die Folge ist die Umdeutung einer klassischen Erkenntnis: statt „post coitum omne animal triste“ stehen sie Modell für „ante et post coitum...“, also „vor und nach dem Beischlaf ist jedes Lebewesen traurig“.

Familie in der Sex-Sauna

Nach so viel Tristesse begrüßt man jeden amüsanten Einfall, aber „Abnormal Family“ (Regie Masayuki Suo, 1984) bietet dann doch nur eine dürftige Parodie-Szene. Am Anfang zeigt die Kamera, aus leichter Untersicht einen Vater mit Sohn und Tochter, in einem karg möblierten Raum um einen Tisch herum auf Tatami-Matten sitzend : eine feste Einstellung, das Tableau einer friedlichen Familie. Dabei soll jeder Zuschauer natürlich an die höchste Instanz der japanischen Filmgeschichte denken, an Yasuyiro Ozu, den Meister der Andeutung von zartesten Rissen im Familien- und Gesellschaftsleben. Hier aber sind vor und hinter dieses Bild Schlafzimmer-Szenen vom anderen Sohn mit seiner Frau geschnitten, die uns nichts ersparen. Größer kann die Diskrepanz zu allem, was Ozu je gedreht hat, nicht sein, folgerichtig landet die ganze Familie denn auch in einer Sex-Sauna. Dort arbeitet sie sich durch sämtliche Praktiken des Sado-Maso-Angebots und wird dabei nach den Genre-Kriterien zum Modellfall einer „ganz gewöhnlichen Familie“.

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Erfreulich anders beginnt „Inflatable Sex Doll of the Wastelands“ (Regie Atsushi Yamatoya, 198), nämlich mit einer Mischung bekannter Action-Genres wie Italo-Western und Thriller. In einer gottverlassenen Einöde nimmt der Berufskiller Sho den Auftrag entgegen, die Verbrecher zu jagen, die die Geliebte eines Immobilienhais entführt, vergewaltigt und womöglich ermordet haben. Shos Figur umgibt etwas von Django, Pierrot le fou und Le Samurai. Im Großstadtdschungel findet der Film zu seiner wahren Form. Frauenkörper werden in Sexpuppen überblendet, extreme Kameraperspektiven führen Sho auf Irrwege. Alle Sicherheiten gehen verloren. Der Showdown wird zu einer wilden psychedelischen Erfahrung in Montage und Kontrasten. Den Weg einfach freischießen, diese Zeiten sind für Revolverhelden vorbei.

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