Porträt Camilo Lara : Pauken, Trompeten und zwei Oscars

Der mexikanische „Coco“-Musiker Camilo Lara spielt am Sonntag im Vorprogramm von Calexico in Berlin. Eine Begegnung

Fabiola Santiago
Schulterpolster. Camilo Lara nennt sich Mexican Institute of Sound.
Schulterpolster. Camilo Lara nennt sich Mexican Institute of Sound.Foto: Nacional Records

In die Welt aufbrechen, ohne dabei seine mexikanischen Wurzeln zu verlieren: Dieser Vision folgt Camilo Lara bei allem, was er tut. Die Musik seines Heimatlandes bezeichnet er als persönlichen „Anker“, als sein „Herkunftszeugnis“, und das soll bei jedem seiner Projekte zu spüren und zu hören sein. Egal, ob er gerade in Deutschland eine Europatournee im Vorprogramm der amerikanischen Wüstenrockband Calexico beginnt oder als musikalischer Berater am Pixar-Trickfilm „Coco“ beteiligt ist.

„Coco“ ist eine Art Mariachi-Märchen um den „Día de los Muertos“, den Tag der Toten, mit dem zwölfjährigen Miguel als Helden. Vor fünf Tagen hat „Coco“ gleich zwei Oscars bekommen: als bester Animationsfilm und für „Remember Me“ als besten Filmsong. „Das war das glückliche Ende eines langen Projekts“, erzählt Lara in einem Proberaum in Lichtenberg. „Es dauerte sechs Jahre, Regisseur Lee Unrick holte mich ins Team, als das Drehbuch noch nicht fertig war.“ Lara half, dem Soundtrack einen eigenen Klang zu geben, bei dem sich – dafür ist „Remember Me“ das schönste Beispiel – massenkompatibler R ’n’ B mit der fröhlich pumpenden Tradition des Salsa-Akkordeons mischt, mit Pauken und Trompeten.

Großstadtfolklore mit elektronischen Mitteln

Der Musiker und Produzent, der vor 40 Jahren in Mexiko City geboren wurde, ist eine Art lebendes Lexikon. In der Geschichte des Salsa kennt er sich genauso aus wie bei den mexikanischen Kinomelodramen der 40er und 50er Jahre, deren Soundtracks er gerne für seine eigene Tracks sampelt. Wenn sich Camilo Lara Mexican Institute of Sound nennt, ist das nicht anmaßend, sondern angemessen. Allerdings hat das Institut nur einen Mitarbeiter: Lara.

Das erste MIS-Album kam 2006 heraus, für die Texte greift der Songtüftler mitunter auf Zeilen von Juan Rulfo, einem 1986 verstorbenen modernen Klassiker der mexikanischen Literatur, oder auf politische Parolen zurück. Lara hat sein eigenes Pop-Universum erschaffen, Großstadtfolklore mit elektronischen Mitteln. Damit ist er schon bei Festivals wie Coachella oder Lollapalooza aufgetreten. Folgerichtig hat er in „Coco“ einen Cameo-Auftritt als DJ mit Sombrero, der ruft: „Gebt Cumbia eine Chance“.

„Ich finde es mutig, dass wir für unsere Musik in einer Zeit geehrt werden, in der es fast schon ein Verbrechen ist, ein Mexikaner zu sein“, sagt Lara in einer Pause während der Konzertproben. „Hollywood hat damit ein Signal gesetzt, es unterstützt Mexiko, während die amerikanische Politik sich so antimexikanisch verhält wie vielleicht noch nie.“

Seit zehn Jahren arbeitet er mit Calexico

Die Zusammenarbeit mit Calexico begann vor zehn Jahren. Damals hatte der Sheriff Joe Arpaio in Arizona brutal gegen mexikanische Einwanderer durchgegriffen, und Joey Burns und John Convertino gehörten mit ihrer Band zu den Aktivisten, die Widerstand dagegen organisierten. „Sie haben mexikanische Musiker eingeladen, nach Arizona zu kommen und mit ihnen zu spielen.“ Seither gehört Lara zum Freundeskreis von Calexico. Im Februar kam in Mexiko „Un Mundo Raro: Las Canciones de José Alfredo Jiménez“ heraus, ein Tributalbum für den legendären Mariachi-Sänger, das von Lara und dem Calexico-Keyboarder Sergio Mendoza arrangiert wurde. Auch bei „Disco Popular“, dem Ende 2017 veröffentlichten Album des Mexican Institute of Sound, war Calexico dabei.

„Was ich mache, ist Weiterbildung. Auf meinen Reisen versuche ich an jedem Ort mit anderen Leuten zu arbeiten, andere Klänge zu hören und andere Ideen kennenzulernen. Aber Salsa, Cumbia und Mariachi bleiben die Signatur meines Schaffens. Denn ich werde niemals vergessen, wo ich herkomme.“ Sagt Camilo Lara, bevor er in Lichtenberg weitermacht mit der Musik und der Arbeit. Fabiola Santiago

Calexico und das Mexican Institute of Sound spielen an diesem Samstag, 10. März, im Tempodrom, 19.30 Uhr

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