Rainer René Mueller auf dem Poesiefestival : Die Heimchen von Czernowitz

Zwiesprache mit Paul Celan: eine Begegnung mit Rainer René Mueller, der bei der Eröffnung des Poesiefestivals Berlin liest.

Norbert Hummelt
Wiederentdeckung mit 70. Der Heidelberger Dichter Rainer René Mueller.
Wiederentdeckung mit 70. Der Heidelberger Dichter Rainer René Mueller.Foto: Wikipedia/Spargelbund

Es gibt Situationen, in denen erlebt man ein Gedicht; die Situation ist das Gedicht, in der dichten Folge ihrer Momente, in ihrer Intensität und Zeichenhaftigkeit. So gehe ich an einem Tag im März durch eine Straße in Heidelberg, wo ich mit dem Dichter Rainer René Mueller verabredet bin. Ich stehe schon vor dem bezeichneten Haus, wende mich um und sehe den Erwarteten langsam, auf einen Stock gestützt, auf mich zukommen.

Ich sehe, er trägt einen korrekten Dreiteiler, er trägt die Kippa. Im selben Moment wird er von hinten von einem Radfahrer angeklingelt und erschrickt bis ins Innerste. Im nächsten Moment ist der Radfahrer auf meiner Höhe, der Erschrockene aber schwingt seinen Stock und ruft ihm nach: „Der Schlag soll dich treffen!“ Wieder einen Augenblick später steht er, Atem holend, vor mir und reicht in großer Liebenswürdigkeit die Hand: „Alles gut.“

Ich bin mit Mueller verabredet, um über die Dichtung Paul Celans zu sprechen, über den ich eine Radiosendung vorbereite. Celan ist für Mueller ein wichtiges Thema, nicht nur ein leichtes. „Womit ich gar nicht so froh bin ist, immer wieder in die Nähe der Celanschen Diktion gerückt zu werden“, sagt er auf einen Celan-Vers bezogen, den er in einem seiner Gedichte zitiert: „Dann zirp ich leise, wie es Heimchen tun“ aus Celans frühem Gedicht „Drüben“, das sich auf dessen Heimatstadt Czernowitz bezieht.

Muellers Großmutter stammt ebenfalls aus Czernowitz. Der leibliche Vater des 1949 in Würzburg geborenen Dichters, ein Berliner Kommunist, setzte sich nach Venezuela ab, die Mutter heiratete in zweiter Ehe einen SS-Mann, der dem jüdischen Stiefsohn nach dem Leben trachtete. Diese Konstellation macht mit einem Schlag begreiflich, warum Mueller, der als Schüler, noch zu Celans Lebzeiten, erstmals die „Todesfuge“ las, in dieser Dichtung seine eigene Sache verhandelt sehen konnte. Als 1981 erste Gedichte Muellers erschienen, war Celan längst tot und die Lyrik stand im Westen Deutschlands im Zeichen einer mitteilsamen Kunstlosigkeit.

Was heißt hier Liebe

Davon hob sich der schmale Band „Lieddeutsch“ in jeder Weise ab. In den stark fragmentierten, anspielungsreichen Gebilden verband sich eine zart-brüchige Vertrautheit mit der lyrischen Tradition, mit Hölderlin, dem Minnesang, den Grimmschen Märchen mit schonungslosem Benennen dessen, was geschehen ist in Deutschland: „tandaradei / was heißt hier Liebe / -belei, -lei / larum, larum: // darum, dass einer ein Vieh, ein gehäutetes Vieh / wird, ein Stück, ein Hakenstück“.

Diesen neuen, eigenen Ton vernahmen damals nur Wenige, die Gedichte Muellers erschienen in kleinsten Verlagen. Ich las sie erstmals 1996 in Urs Engelers Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“, danach hörte man von Mueller lange nichts mehr. Erst der Auswahlband „Poèmes - Poëtra“ bei Roughbooks, herausgegeben von Dieter M. Gräf, einem Leser der ersten Stunde, brachte ihn zurück und machte ihn auch für neue, jüngere Leser sichtbar.

Nun sind neue Gedichte von Rainer René Mueller erschienen, in der frisch gegründeten Heidelberger Edition a o u e y, unter dem Titel „geschriebes. selbst mit stein“. Ein Heft eher als ein Buch, französische Broschur, sehr edel, nur die rechten Seiten sind bedruckt, links spiegelt sich die Schrift in der weißen Fläche, die als Schnee von jeher ein wichtiges Motiv dieser Gedichte ist, in der neuen Sammlung in dem betörenden „Schneeschaun“.

Die Brüchigkeit der Textur wird in der Vielzahl der graphischen Mittel greifbar, all den Einrückungen und Kursivierungen, akzentuiert von einer ausgefeilten Interpunktion. Im Lesen entfalten sich die Gedichte in ihrer Vielzüngigkeit, ihren Zitaten und Registerwechseln, mit jiddischen, französischen, mundartlichen Einsprengseln. Seltsam schöne, kostbare Gebilde, die sich im lauten Lesen am besten erschließen. Ihre Form ist zugleich erlebt und erarbeitet, sie offenbart eine Person, die aus all dem gewoben ist, rissig, geflickt, verletzlich, schlagfertig, „ich geh zugrund, im / optischen Bescheiden, am Stock / & mit sehr wenig Luft“.

Die Figuren bilden eine Wahlfamilie

Jedes Gedicht hat seinen genauen Ort, zuweilen auch ein Datum. Heidelberg wird oft genannt, auch Bilder aus Berlin tauchen auf, und wenn zu „Westhafen, Moabit“ ein judenfeindlicher Zuruf notiert wird („s’ist wohl dein Glatzenschutz, da / aufm Kopp“), dann legt auch das Datum, 11. April 2016, ein Zeugnis ab. Zum Anspielungsraum gehören auch die Philosophie Martin Heideggers („Holzwege / -gerede“) und die Dichterin Ingeborg Bachmann („Lösch die Lupinen / unverloren“).

Figuren, die zum Kosmos Celans gehören, und lesend begreift man, warum: Sie bilden eine Wahlfamilie, während aus der leiblichen nur die Großmutter Rosa Riedel, geborene Eliescher, mit Verehrung genannt wird. Und wenn es, wieder in Zwiesprache mit Celan, heißt: „’der baumhohe Gedanke’: einer / käme, jetzt : mir : / mitten ins Herz, zwischen die Schulterblätter: / zu stoßen: das Messer, -vorüber, // im vorüber, -über, -übergehn“, dann scheint mir, ich hätte dieser im Gedicht geborgenen Schrecksekunde eben beigewohnt, bei der Begegnung mit dem Radfahrer auf der Straße.

Leben und Lesen gehören zusammen

Leben und Lesen gehören in diesen Gedichten zusammen, an ihnen kristallisiert sich die Einheit von physischer und geistiger Welt. Und was war mit den Heimchen? „Ich war sehr froh“, erzählt Müller, „dass in meiner Heidelberger Behausung an zwei, drei wärmeren Stellen tatsächlich Heimchen lebten, die mit ihrem unbeschreiblichen, für mich wunderschönen Schrillton einen Gesang erzeugten, der so jenseits von jeder instrumentalen Musik war. Und mir immer, unter dem Hinweis auf ihren Namen, Heimchen, in meiner doch sehr zerfransten Biographie etwas wie Zuhause vorgesungen haben.“ Das Gedicht, in dem das zu erleben ist, heißt „… man nennt es Glück“ und steht in dem Band „Poèmes - Poëtra“.

Rainer René Mueller: geschriebes. selbst mit stein. Gedichte. Edition a o u e y, Heidelberg 2018. 56 S., 18 €.

Rainer René Mueller: Poèmes – Poëtra. Ausgewählte Gedichte 1981-2013. Hrsg. von Dieter M. Gräf., 2. Aufl., Roughbooks, Zürich 2015. 108 S., 10 €.

Vom 14. bis 20 Juni heißt es: alle Macht der Poesie! Unter dem Motto „Endlich Zeit für Sprache“ zeigt das Poesiefestival Berlin in der Akademie der Künste am Hanseatenweg wieder einmal die ganze Bandbreite dieser Kunst. Am Freitagabend um 20 Uhr eröffnet das Festival traditionsgemäß mit der Weltklang – Nacht der Poesie. Neben Rainer René Mueller sind unter anderem die US-Amerikanerin Eileen Myles, die Slowenin Anja Golob, der Südafrikaner Yugen Blakrok, die Iranerin Fatemeh Shams und der Chinese Xi Chuan eingeladen. Am Sonntagmorgen diskutiert ein Forum mit dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben über Diskursvergiftung, Vertrauensverlust und poetischen Widerstand. Am Abend hält der argentinische Dichter Sergio Raimondi die diesjährige Berliner Rede zur Poesie unter dem Titel Probleme beim Schreiben einer Ode an den pazifischen Ozean. Anlässlich des 200. Geburtstags von Walt Whitman, dem Nationaldichter der USA, die dieses Jahr einen Schwerpunkt bilden, erlebt sein Langgedicht „Leaves of Grass“ am Mittwoch eine szenische Inszenierung. Das ausführliche Programm findet sich unter www.haus-fuer-poesie.org

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