Roman von Marie Darrieussecq : In den Wäldern ist Ruh

Über die Gefahren des Klonens und der künstlichen Intelligenz: Marie Darrieussecqs dystopischer Roman „Unser Leben in den Wäldern“.

Anja Kümmel
Raus aus der Online-Welt, an in den Wald.
Raus aus der Online-Welt, an in den Wald.Foto: Nicolas Armer/dpa/dpa-tmn

Ob man der versehrten Ich-Erzählerin in Marie Darrieussecqs Roman „Unser Leben in den Wäldern“ trauen kann? Gleich im ersten Satz etabliert sich die den Vornamen ihrer Schöpferin tragende Marie als unzuverlässige Protokollantin: Sie hat nur noch ein Auge; Sichtfeld und Tiefenschärfe sind stark einschränkt. „Ich bin schlecht beieinander“, heißt es wenig später. Und: „Rechnen Sie nicht mit mir, wenn es darum geht, all das zu sortieren.“

„All das“ meint zum einen das unwirtliche Jetzt: die unter Baumkronen verborgenen Zeltlager derjenigen, die es aus der Online- in die Offline-Welt geschafft haben. Zum anderen Maries ungeordnete Erinnerungen an ein Davor, das totalvernetzte Leben in der Stadt, ihre Tätigkeit als Psychotherapeutin. Getrieben von der Ahnung, nicht mehr viel Zeit zu haben, notiert sie sämtliche Gedanken, die ihr durch den Kopf schießen, mit Bleistift auf Papier. Das Ergebnis liest sich eher wie ein düsterer Bewusstseinsstrom über den Zustand unserer Welt, verlagert in eine unbestimmte Zukunft. Strukturiert werden die Passagen durch wiederkehrende Elemente wie „Mir ist kalt“, „Wo war ich nochmal“ oder auch ein lakonisches „Schlimme Zeit“.

Wer Geld hat, besitzt ein genetisch identisches Ersatzteillager

Vieles in ihrem dystopischen Szenario bleibt vage, als wollte es Darrieussecq der Fantasie ihrer Leser überlassen, die en passant erwähnten „Attentate“ und „Entführungswellen“ mit Bedeutung aufzuladen, die „Ich-Reboosting-Workshops“ und Roboter-Hunde zur „unterstützenden Beziehung“ in die allgegenwärtige Selbstoptimierungs-Rhetorik einzuordnen. Wer viel Science- Fiction liest, mag das angenehm finden; andere fühlen sich vielleicht verloren. Zumal die Welt, die Darrieussecq beschreibt, lediglich erinnert wird und dadurch ohnehin ein Stück ihrer Unmittelbarkeit einbüßt.

Hauptsächlich konzentriert sie sich auf das Klonen und die Entwicklung künstlicher Intelligenzen. Wer das nötige Geld hat (wie offenbar Marie), besitzt eine sogenannte Hälfte, ein genetisch identisches Ersatzteillager, das im künstlichen Dauerkoma vor sich hinvegetiert. Im Laufe ihres Lebens wurden Marie bereits eine Niere und ein Lungenflügel eingepflanzt – so zumindest hat man es ihr erzählt. Eine Mischung aus Sehnsucht und Schuldgefühlen löst die Symbiose mit den schlafenden „Hälften“ aus, weswegen sich viele in Psychotherapie begeben. Ein merkwürdiger Kreislauf, dem die französische Autorin mit der ihr eigenen präzisen Sprache nachgeht.

Erzählt Marie von ihren Therapiesitzungen mit ihrem späteren Geliebten, einem unterbezahlten Klickarbeiter aus dem „Maschinenraum des Planeten“, entlarvt sie nebenbei die vermeintlich selbstlernenden Algorithmen als Farce. „Der muss Robotern all unsere geistigen Assoziationen beibringen, damit sie sie eines Tages an unserer Stelle hinkriegen“, konstatiert sie nüchtern. Organisch in den Text geflochtene Assoziationsketten wie „Rot = Blut = Farbe = Herz = Liebe = Wangen = Wein = Durcheinander = Politik = Wut“ werfen die Frage nach den Gemeinsamkeiten von menschlichem und künstlichem Denken auf – und danach, was sich überhaupt Denken nennen lässt.

Implantate machen Marie zum Cyborg

Nicht ganz stimmig wirken dagegen die Verweise auf eine Roboter-Armee im Hintergrund, ein ominöses „Sie“, das die Menschen anscheinend bereits überflügelt und unterjocht hat. Wenn künstliche Intelligenzen noch nicht mal Humor und Metaphern haben, wie lässt sich diese jähe Machtverschiebung erklären?

Durch Implantate hat sich Marie im Lauf der Jahre zum Cyborg gemacht. Man kann mit ihnen telefonieren, Essen bestellen, bezahlen, die Haustür aufschließen – in etwa so, als sei das heutige Smartphone unter die Haut gewandert. Einige dieser Implantate kann sie vor ihrer Flucht entfernen, den „Block“ in ihrem Kopf jedoch nicht. „Ich schaffe es, ihn teilweise abzuspalten“, behauptet sie. Doch bleibt fraglich, ob das Verwischen der Datenspuren so vollständig gelingen kann. Letztlich ist der Rückzug in die Natur weniger nostalgisch aufgeladen, als es scheint. Er verbirgt eher den Wunsch: Eine andere Zukunft muss (wieder) vorstellbar werden.

Marie Darrieussecq: Unser Leben in den Wäldern. Aus dem Französischen von Frank Heibert. Secession Verlag, Berlin 2019. 112 Seiten, 18 €.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!