Sachbuch: "Das Evangelium der Aale" : Bin ich etwa ein Fisch?

Metapher für das Leben schlechthin: Der schwedische Journalist Patrick Svensson untersucht das philosophische Rätsel der Aale.

Michael Wolf
Fluoreszierendes Wunderwesen. Der japanische Aal, von Fachleuten Anguilla japonica genannt.
Fluoreszierendes Wunderwesen. Der japanische Aal, von Fachleuten Anguilla japonica genannt.Foto: imago images/Ardea

Im Frühjahr 1876 seziert Sigmund Freud neun Stunden pro Tag Fischleichen. Der 19-jährige Student der Medizin und Zoologie ist wild entschlossen, ein jahrtausendealtes Problem zu lösen: die „Aalfrage“. Seit Aristoteles, der glaubte, Aale entstünden aus dem Schlamm, konnte nicht geklärt worden, wie sich dieser rätselhafte Fisch vermehrt, nicht einmal, ob es sich überhaupt um einen Fisch handelt.

Nun tritt Freud auf den Plan, schneidet Aal um Aal auf. „Die Hände befleckt vom weißen und roten Blut der Seetiere und vor den Augen flimmernde Zelltrümmer, die mich noch in den Träumen stören, und in Gedanken nichts als die großen Probleme, die sich an die Namen Hoden und Ovarien – weltbedeutende Namen knüpfen.“ Doch die Suche verläuft glücklos, die glibberigen Leiber geben nicht preis, wonach er sucht. Erst 20 Jahre später gelingt die Aufklärung.

Niemand hat den Zeugungsakt beobachtet

Aale werden nicht mit Geschlechtsorganen geboren, sie entwickeln sie auf dem Weg zu ihrem Laichplatz, der Sargassosee östlich von Florida. Dort angekommen, laichen sie ab und sterben. So zumindest lautet die plausibelste Erklärung, gesichert ist das alles nicht, denn niemand hat je einen ausgewachsenen Aal in der Sargassosee beobachtet, geschweige denn beim Zeugungsakt. Die Aalfrage bleibt also weiterhin unbeantwortet.

Glaubt man Patrick Svensson, war Freuds Scheitern dennoch folgenreich: Dieser wandte sich von der Zoologie ab und begründete einige Jahre später die Psychoanalyse. Er habe in den Eingeweiden der Aale also „vielleicht“ doch etwas gefunden, und zwar „eine erste Erkenntnis darüber, wie weit unter der Oberfläche manche Wahrheiten verborgen liegen“.

Mitunter bläht Svensson zum Mythos auf, was im bescheidenen Rang einer Anekdote besser aufgehoben wäre. Das Verfahren, mit dem er Kulturgeschichte und Naturwissenschaft verbindet, bedient sich teils der allzu freien Assoziation.

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Der Aal steht in seinem Debüt „Das Evangelium der Aale“ nicht nur am Anfang der Psychoanalyse, sondern auch am Anfang der Besiedlung der Neuen Welt und, die alten Ägypter bemühend, sogar am Anfang der Schöpfung schlechthin. Den christlichen Gott straft er wiederum Lügen, wird der Aal doch im Dritten Buch Mose nicht als Fisch erkannt und damit vom Speiseplan ausgeschlossen.

Svensson folgert: „Auch Gott kann man nicht trauen.“ Spirituell geht es dennoch zu. Man lernt in „Das Evangelium der Aale“ viel über eine faszinierende Spezies, doch geht es nicht allein um den Fisch, der, glaubt man dem Autor, ohnehin nie sein letztes Geheimnis verraten wird. Svensson ist ehrgeiziger.

Der Vater bringt dem Sohn Angeln bei

Der schwedische Journalist, Jahrgang 1972, präsentiert den Aal in seinem Debüt als Metapher für das Leben schlechthin. Er folgt damit dem Beispiel der Meeresbiologin Rachel Carsons, der er in einem Kapitel ein Denkmal setzt. In ihrem Büchern personifizierte sie Tiere, verlieh ihnen menschliche Eigenschaften, um sie verständlicher erscheinen zu lassen.

Svensson wiederum lastet dem Aal sehr menschliche Probleme auf, auf dass der Leser sich in ihm selbst erkenne: „Das Rätselhafte, schwer Durchschaubare des Aals wird zum Echo der Fragen, die jeder Mensch in sich trägt: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin bin ich unterwegs?“

Das Buch ist zweigeteilt. Je ein Kapitel widmet sich einer Frage zum Aal, zu seiner Herkunft, der Fischerei, seiner Wanderung oder den Gründen seiner Gefährdung. Dazwischen geht es um Svensson selbst und das Verhältnis zu seinem Vater. Der Aal spielt eine wichtige Rolle in dieser Beziehung. Der Vater bringt dem Autor als Kind das Angeln bei und damit den Respekt vor der Natur, den Umgang mit dem Unerklärbaren und die Bereitschaft, an der Welt zu wachsen. Biografisches und Biologisches spiegeln und ergänzen einander.

[Patrick Svensson: Das Evangelium der Aale. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz. Hanser Verlag, München 2020. 256 Seiten, 22 €.]

Leicht könnte das Vorhaben im Kitsch versinken, aber Svensson kriegt stets die Kurve und umschifft mit seinem souveränen und klaren Stil allzu seichte Stellen. „Und ich durfte den Eimer tragen“, lautet der letzte Satz eines der Vater-Sohn-Kapitel. Stolz drückt sich hier aus und die große Zuneigung eines Kindes zu seinem Übervater.

Es geht in „Das Evangelium der Aale“ nicht nur um die Herkunft des Fisches, sondern auch um Tradition, um das Erbe, das man empfängt und weitergibt, nicht nur um seine Wanderung, sondern auch um die Suche nach einem geeigneten Platz im eigenen Leben – und um den Tod. Svensson ist nicht nur den Geheimnissen des Aals auf der Spur. Sein Buch erweist sich als Tauchfahrt hinab zu den Gründen von Verbundenheit, Liebe und Trauer.

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