Schau in der Galerie Buchholz : Eine Künstlerin macht sich frei

Rückblick als Fortschritt: Die iranische Künstlerin Nairy Baghramian denkt in der Galerie Buchholz über ihr Werk nach.

Lorina Speder
Gedankengerüst der Kunst. "Halfway House", 1999. Eine Arbeit aus der aktuellen Schau.
Gedankengerüst der Kunst. "Halfway House", 1999. Eine Arbeit aus der aktuellen Schau.Foto: Nairy Baghramia/Courtesy of Galerie Buchholz

Am Eingang der Galerie Buchholz (Fasanenstraße 30, bis 17. November) begrüßt einen der „Walker“ auf der Fahne zu Nairy Baghramians Ausstellung. Der junge Mann, den die 1971 geborene Künstlerin immer mal wieder fotografierte, begleitet ihr Œuvre aus Fotografie, Texten und Bildhauerei, das sich seit zwei Jahrzehnten entwickelt. Auch in der Galerie taucht er noch einmal auf. In der oberen Etage entdeckt man ihn auf einem Buchumschlag (alle Preis auf Anfrage) von 2018 in einer fragilen Vitrine. Die Verbindung zur 2016 entstandenen Fahne draußen ist nicht das einzige Zusammenkommen von älteren und neuen Arbeiten.

Das Konzept, ein Bogenschlag von Alt zu Neu, entwickelte die Berliner Künstlerin aus früheren Ausstellungen im Genter S.M.A.K. Museum of Contemporary Art und im Walker Art Center in Minneapolis. Obwohl ihr dort Retrospektiven vorgeschlagen wurden, passte Baghramian dieses Format für sich an. Sie nahm das Angebot eines Rückblicks zum Anlass, „über Werke, die ich gemacht habe, nachzudenken und in neuen Arbeiten darauf Bezug zu nehmen“. In der Galerie Buchholz trennt Baghramian ihre Werke durch die zwei Stockwerke.

Baghramian stellt Auswahlkriterien des Kunstbetriebs auf den Kopf

Neuere Arbeiten wie das Motiv eines Knochens mit dem Titel „Treat (Marrowbone)“ platzierte sie in der unteren Etage. Die Arbeit könnte man als lackierten Bronzeguss schon kennen – im ersten großen Galerieraum befindet sich die Skulptur in Wachsform. Baghramian hinterfragt die Materialität von Skulpturen, denn Wachs ist durch die Hitzeempfindlichkeit eigentlich ungeeignet. Weil es sich dabei um ein Nebenprodukt des bronzenen „Originals“ handelt, macht Baghramian auch den Arbeitsprozess sichtbar und löst so die Hierarchie von Original, Überrest oder Nebenprodukt bewusst auf. „Ich möchte Dinge zum Vorschein bringen, die eigentlich verschwinden“, sagt sie und zählt auf, was neben ehemals ausgestellten Werken noch alles in ihrem Atelier schlummert.

Man kann in der Ausstellung Vitrine Rafraîchirée deshalb eine Art Gedankengerüst ihrer Kunst sehen. Das Nachdenken über ihr eigenes Werk ist bei Baghramian auch für den Betrachter bereichernd, denn man erlebt, wie sich eine Künstlerin von bestimmten Forderungen frei macht. Sie stellt in ihrem Vorgehen die Auswahlkriterien des Kunstbetriebs auf den Kopf, der gern vorgibt, an welche Materialien, Rahmungen oder Formen man sich halten sollte. Die Wahl der Objekte überließ die Künstlerin ganz dem Zufall – wie bei der Fotografie mit dem Titel „Portrait (Der Kopf des Konzeptkünstlers raucht), Portrait (The Concept-Artist’s Smoking Head)“ aus dem Jahr 2016, von der es knapp 20 Varianten in ihrem Atelier gab. Man kann sich nur wünschen, dass das Hinterfragen der Künstlerin nicht aufhört. Denn ihr Rückblick ist zugleich ein Fortschritt, mit dem sie sich Autonomie verschafft.

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