• Sebastian Schipper und sein Film „Roads“: „Da steht ein Lada, du hast keinen Führerschein - fährst trotzdem los“

Sebastian Schipper und sein Film „Roads“ : „Da steht ein Lada, du hast keinen Führerschein - fährst trotzdem los“

Von Marokko nach Calais: Sebastian Schipper erzählt im Film „Roads“ die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher 18-Jähriger. Ein Interview mit dem Filmemacher.

Unterwegs. Die Hauptdarsteller Gyllen (Fionn Whitehead) und William (Stéphane Bak).
Unterwegs. Die Hauptdarsteller Gyllen (Fionn Whitehead) und William (Stéphane Bak).Foto: Studiocanal

Gyllen und William, das „Rich Kid“ aus England und der Flüchtling aus dem Kongo, laufen sich in Marokko über den Weg. Sie fahren los mit einem alten Wohnmobil, überqueren die Grenzen, Ceuta, Spanien, Frankreich. Sebastian Schipper hat einen Sommerfilm gedreht, auf Englisch, mit Fionn Whitehead („Dunkirk“) und Stéphane Bak („L’adieu à la nuit“), eine Coming-of-Age-Geschichte, ein Roadmovie über Freundschaft und Feindseligkeit, über die Sehnsucht nach Ankunft, nach Familie. „Roads“ kommt am Donnerstag in die Kinos.

Herr Schipper, viele Ihrer Filme sind Roadmovies, fast alle spielen draußen. Warum drehen Sie so gern auf der Straße?
Als Kind war ich viel auf der Straße, mein erstes Wort soll „Auto“ gewesen sein. Mit Kumpels auf dem Rad durch die Nachbarschaft fahren und Unfug anstellen, kurz bevor es dunkel wird, das war das Größte: unterwegs zu sein mit ein paar anderen Misfits.

Klingt wie eine Beschreibung Ihres Berufs.
Worüber dreht man Filme? Schon nach meinem Regiedebüt „Absolute Giganten“ wollte ich einen Film über den Sommer machen. Über diesen Mythos des ersten Sommers, den man nicht mit der Familie verbringt, sondern mit Kumpels. Damals wollte ich mit einem Freund auf Interrail-Tour gehen, aber da stand zu Hause in Oldenburg dieser alte Lada in der Straße. Er kostete 150 Mark, wir fuhren damit bis an die Côte d’Azur – ich hatte nicht mal einen Führerschein. Es war herrlich.

Haben 18-Jährige heute ein anderes Lebensgefühl?
Wenn man 1989 aus Oldenburg nach Südfrankreich fährt, ist der Horizont so weit, wie man gucken kann. Auch wenn es schon da Afrikaner gab, die am Strand Sonnenbrillen verkauften. Aber wir waren ignorant. Jugendliche heute wissen viel mehr, schon wegen der permanenten Realtime-News im Netz. Jungsein bedeutet ja, dass man in seiner eigenen Blase lebt und trotzdem ungeheuer offen ist, es ist diese Ambivalenz. Und dann verändert sich alles, weil man von der Rückbank im Auto auf den Fahrersitz wechselt. Noch heute erfasst mich leichte Euphorie, wenn ich an irgendeinem Flughafen oder Bahnhof einen Mietwagen nehme und losfahre.

„Roads“ ist aber kein reiner Sommerfilm geworden.

Zwei 18-Jährige fahren mit einem geklauten Auto durch Europa. Zu einer Filmidee wird das erst, wenn der eine aus London kommt und der andere aus dem Kongo. Das machte mich auf gute Weise nervös.

Zur Person

Schipper, 1968 in Hannover geboren, machte sich nach dem Studium an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule erst als Schauspieler einen Namen, in Filmen wie „Kleine Haie“, in Tom Tykwers „Lola rennt“, später auch in „Ludwig II.“ und im Fernsehen im „Tatort“. 1999 kam sein Regiedebüt „Absolute Giganten“ heraus. Nach „Mitte Ende August“ lief 2015 auf der Berlinale „Victoria“. Schipper wurde mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

Weil Sie keinen „Flüchtlingsfilm“ drehen wollten?

Der Gedanke, etwas über Migranten zu erzählen, machte mir Angst. An dem Thema kann man nur scheitern. Aber die Lust und der Bammel, das war ähnlich wie bei der Wahnsinnsidee von „Victoria“, eine Geschichte in nur einer Einstellung zu erzählen. Wichtig war, dass der Film nicht mit den Vorgeschichten der beiden beginnt, sondern mit dem Moment, in dem sie sich begegnen. Der sollte so banal wie möglich sein. Einer haut einen Spruch raus und schaut, wie der andere reagiert. First encounter: Zwei Aliens stehen sich gegenüber.

„Roads“ endet in den Flüchtlingscamps von Calais, er wechselt vom Buddy-Movie zum Dokumentarischen, der Sommer wird grauer. Warum diese Ernüchterung?

Es gibt starke Filme über Migration, doch sie sind meist dystopisch erzählt. Die menschliche Tragödie sieht aus wie eine Zombie-Apokalypse. Die Bilder von Migranten gehorchen schon deshalb der Ikonografie von Zombie-Filmen, weil es zum Teil ja wirklich Halbtote sind, zu Tode erschöpfte Menschen. Serien wie „Walking Dead“ scheinen unsere Ängste vor diesem Anblick zu beschwören, vor Menschen, denen es entsetzlich schlecht geht. Dieser Angst wollte ich mich stellen: indem ich einem von ihnen nahekomme. Denn wenn man jung ist, funktioniert das Menschsein ja noch über die Selbstverständlichkeit von Solidarität, Empathie und Neugier.

War es schwer, nach „Victoria“ etwas vergleichsweise Normales zu drehen?

Der Energieschub ist immer derselbe: Da steht ein Lada für 150 Mark, du hast keinen Führerschein, fährst trotzdem los.

Und wie ist es, wenn die Wirklichkeit in die Fiktion einbricht?

Für mich gilt beim Erzählen die Verabredung: Es gibt Hoffnung. Ich mag keine Geschichte erzählen, bei der am Ende alle tot sind. Zugleich kann ich nicht Lebenswirklichkeit für ein schönes Ende verhökern, ich mache ja keine Schlagermusik. Da ich aber auch kein politischer Aktivist bin, benutze ich meinen Beruf, um meiner Angst vor der Wirklichkeit zu begegnen. Ich habe einen Grund, in den illegalen Camps von Calais zu recherchieren und zu sehen, wie die Leute in den Büschen schlafen, ohne jeden Schutz.

Sie konnten mangels Drehgenehmigung nicht in Calais filmen.

Die Lagerhalle, in der das Essen zubereitet wird und die Spenden sortiert werden, ist echt, auch die freiwilligen Helfer aus ganz Europa spielen sich selbst. Den Zaun haben wir ohne Genehmigung gefilmt, alle anderen Calais-Szenen entstanden in Dünkirchen. Die Flüchtlinge konnten sich ebenfalls nicht selbst spielen, dabei wäre selbst das Mini-Komparsenhonorar kostbares Geld für sie gewesen. Aber wir durften nicht und haben Migranten mit bereits legalem Status aus Paris angekarrt. Wie andere Staaten auch tut der französische Staat alles, um Hilfe zu erschweren. In Calais sind die Hilfsorganisatoren vor Gericht gezogen, für das Recht, kostenlos Essen an Bedürftige auszugeben!

Wie erleben Sie die öffentliche Debatte um das Thema?

Es gibt keine einfachen Antworten. Da wird Hilfe verweigert, aber um die Hygiene in der Großküche in der Lagerhalle machen die Lebensmittelkontrolleure sich Sorgen. Die einzige mögliche Antwort ist die, sich alledem auszusetzen und die Begegnung mit Migranten zu suchen, jenseits von TV-Nachrichten und Parolen. Dann sitzt man abends im Hotel, bestellt den Roomservice, kuschelt sich ins warme Bett und zweifelt an seinem Wertesystem. In der linken und liberalen Szene, aus der ich ja auch komme, scheint Scham eine wichtige Währung geworden zu sein. Die Rechte profiliert sich ihrerseits durch Schamlosigkeit, sie ist ihre schlagkräftigste Waffe.

Schämen wir uns zu wenig?

Nein, es ist umgekehrt. Es bringt nichts, dass wir uns schämen, man kann sich bequem einrichten in seinem Schamgefühl. Dass Gyllen am Ende als Freiwilliger in Calais bleibt, tut er eben nicht aus Scham, sondern weil er auf andere gestrandete Außenseiter trifft. Aber wo passt dieser Junge mit zu viel Energie und zu wenig Zielen besser hin als in eine Küche, wo es eine strenge Hierarchie gibt und er sich schön müde arbeiten kann?

Wie bei „Victoria“ haben Sie wieder selber produziert. Warum auch das noch?

Um nicht auf der Rückbank zu sitzen, sondern am Steuer. Es ist gut, dass auch andere Leute im Auto sitzen und über die Route mitdiskutieren. Je länger ich Filme mache, desto mehr wird mir klar: Das bunte Licht, das auf eine Wand fällt, ist orakelhaft. Man weiß es vielleicht nicht genau, aber man spürt instinktiv, was diese Horde will, die den Film gemacht hat. Man spürt es mit dem Kopf und dem Herzen, aber vor allem mit dem Nervensystem: Ist die anarchische Energie von „Victoria“ nur eine Pose oder ansteckend? Wollen die Geld machen, wollen die einen flashen, sind sie lustig oder tun sie nur so, und vor allem: Meinen sie’s ernst? Und ernst meinen, das geht nicht ohne Risiko. Es ist auch keine Frage des Budgets oder des Genres. Wobei es mich persönlich zum Indie-Kino drängt, zum Independentfilm. Und Indie ist nicht Arthouse.

Erklären Sie mir den Unterschied.

Arthouse-Filme bestehen auf Tiefgründigkeit, sie verstehen sich als Kunst, mit der man die Auseinandersetzung sucht, an der man auch leidet, für die man einen Preis zahlt. Ich habe überhaupt nichts gegen Filme wie die der Berliner Schule. Wenn es gelingt, ist es toll, als hohle, tradierte Geste ist es schrecklich. Indie ist sozusagen der lebensfrohe Cousin. Bei Arthouse steht die Kamera oft still, die Geschichte wird über Bilder erzählt. Indie bewegt sich mehr, entwickelt einen Sog über die Bewegung. Die Tradition gibt es in Deutschland kaum, aber genau das interessiert mich. Bei „Victoria“ stellte ich mir vor, ich wäre ein amerikanischer Filmemacher, der Berlin toll findet.

Sie sagten damals, dass Sie sich weniger domestizierte und mehr wilde Pferde im deutschen Film wünschen. Hat sich daran seit 2015 etwas geändert?

Es gibt immer noch diesen extremen Kontrast: entweder hohe, bürokratische Intellektualität oder deren komplette Ablehnung im Klamauk. Ich wünsche mir eine lebendige, lebensbejahende Art, intellektuell zu sein. Zumindest hätte ich das gerne auch noch auf dem Menü. Denken, reflektieren, Haltung zeigen, das kann lustvoll sein. Auch das politische Denken.

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