Sommerserie „Berliner Straßenpaare“ : Die doppelte Handjerystraße

In Adlershof haben sie Linden, in Friedenau Kastanien. Der Auftakt der Serie „Berliner Straßenpaare“ widmet sich der Handjerystraße.

Altbau. Eine Skulptur der Bildhauerin Renée Sintenis in Friedenau.
Altbau. Eine Skulptur der Bildhauerin Renée Sintenis in Friedenau.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Als Groß-Berlin vor 100 Jahren geschaffen wurde, wuchs das Stadtgebiet von 66 auf 878 Quadratkilometer. Neben Lichtenberg, Schöneberg, Wilmersdorf, Charlottenburg, Neukölln und Spandau gehörten nun auch 59 Umlandgemeinden und 27 Gutsbezirke zur neuen Metropole. Kein Wunder also, dass es im Stadtplan viele Straßennamen doppelt oder sogar mehrfach gibt.

Dass unsere Straße nicht einmalig ist, erfuhren wir am Tag unseres Umzugs. Als wir nämlich vor dem Haus vergebens nach der Halteverbotszone für den Möbelwagen suchten. Die Schilder waren zwar wie besprochen und bezahlt aufgestellt worden, nur eben nicht in der Friedenauer Handjerystraße, sondern 19 Kilometer Luftlinie weiter östlich, beim urbanen Namensvetter unserer Adresse.

Beide Postleitzahlen beginnen mit 12, nur steht die Handjerystraße in Adlershof eben an erster Stelle im Register des Falk-Plans. Und da hatte die Bürokraft des Umzugsunternehmens wohl nachgeschlagen. Na ja, dank der pragmatischen Packer, die sich für ihr XL-Fahrzeug einfach die Einfahrt gegenüber kaperten, kamen unsere Möbel und Bücherkisten damals dann doch noch an ihren vorgesehenen Platz. Und wir lebten uns im Kiez zwischen Friedrich-Wilhelm- und Breslauer Platz so schnell ein, dass wir zunächst ganz vergaßen, uns das Straßen-Pendant jenseits der ehemaligen Mauer mal anzuschauen.

Fast überall noch über Kopfsteinpflaster

Adlershof ist der ältere der beiden Stadtteile, der Anschluss an die Berlin-Görlitzer Eisenbahn machte das ärmliche Dörfchen ab 1867 als Standort für die Industrie interessant. Allein von 1880 bis 1890 verdreiundzwanzigfachte sich die Bevölkerung auf 8000 Einwohner, 1920 wurden 12 700 Adlershofer zu Groß-Berlinern. Verglichen mit der ultramodernen Wissenschaftsstadt, die sich mittlerweile südwestlich des S-Bahnhofs erstreckt, wirkt das traditionelle Wohnviertel geradezu ländlich verschlafen.

Die Autos der Anwohner huckeln fast überall noch über Kopfsteinpflaster, und wer an einem Werktagsabend hier umherflaniert, hört viele Vögel zwitschern, begegnet aber nur wenigen Mitmenschen. Rund um die Kirche gibt es noch ein paar alte Villen, am Arndtplatz plätschert pittoresk der Springbrunnen, ein Plakat am Restaurant „Büchner“ an der Ecke zur Handjerystraße verspricht „Essen wie bei Muttern“. Idylle jottwede.

13,4 Kilometer sind es von Adlershof bis zur Stadtmitte, 6,4 Kilometer beträgt die Entfernung von Friedenau aus gemessen. In die City-West sind es sogar nur drei. Kein Wunder, dass man in unserer Straße zur Rushhour als Fußgänger oft kaum die schmale Fahrbahn überqueren kann: Radfahrer, die die parallel verlaufende Hauptverkehrsader mit ihren Zweite-Reihe-Parkern vermeiden wollen, weichen hierher aus. Oft kann man sogar die Ampelschaltung an der Kreuzung zur Wexstraße optisch nachvollziehen, wenn die Drahtesel jeweils herdenweise gen Süden vorbeirauschen.

Neubau. Wohnstraßenruhe in Adlershof, 19 Kilometer entfernt.
Neubau. Wohnstraßenruhe in Adlershof, 19 Kilometer entfernt.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der wichtigste Knoten- und Treffpunkt des Kiezes

Friedenau verdankt seinen Aufstieg nicht dem Zweirad, sondern der heutigen S 1. Erst nachdem die ersten Bewohner auf eigene Kosten den Haltepunkt der Wannseebahn errichtet hatten, begann das Gebiet zu boomen. Noch heute ist die Station „Friedenau“ der wichtigste Knoten- und Treffpunkt des Kiezes. Gegründet hatte ein „Landerwerb- und Bauverein auf Actien“ die Villenkolonie 1871, Zielgruppe waren schon damals die begüterten Beamten und Handwerker der Hauptstadt. Auf dem Reißbrett wurde die Parzellierung der Grundstücke festgelegt, die städtebauliche Gliederung erfolgte „nach englischem Stil“, mit großzügigen Vorgärten und schmalen Anwohnerstraßen, die sich um mehrere Schmuckplätze gruppieren.

Den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs hat die westliche Straße glücklicher überstanden als die östliche. Hier ist die Jahrhundertwende-Substanz fast komplett intakt geblieben – und oft auch behutsam renoviert worden. Dort präsentieren sich nur noch drei Gebäude im prächtigen Stuck-Schmuck, viel musste mit schmucklosen Wohnblöcken aufgefüllt werden.

Dass die Abfahrt „Stubenrauchstraße“ nehmen muss, wer auf der Stadtautobahn von der westlichen zur östlichen Handjerystraße gelangen will, gehört zu den Skurrilitäten im Memory-Spiel der Berliner Straßenpaare: Denn nach Herrn Stubenrauch ist auch die Fortsetzung unserer Straße benannt. Ein freikirchliches Gotteshaus gibt es hier wie da, in Adlershof haben sie zwei KFZ-Werkstätten, wir dagegen ein geschlossenes Postamt, dafür aber deutlich mehr Restaurants, von österreichisch bis griechisch. Kastanien spenden in unserer Handjerystraße den Fußgängern Schatten, beim Zwilling im Osten sind es Linden- und Ahornbäume. Mit hässlichen Laternen wiederum sind wir beide geschlagen. Peitschenlampen aus den Siebzigern funzeln nachts in Friedenau vor sich hin, in Adlershof stehen diese schrundigen Betonstelen aus DDR-Produktion mit den unterdimensionierten Leuchthüten oben drauf.

Prinz Handjery als Landrat

„Staatsbeamter“ steht als Berufsbezeichnung des Namensgebers in der Handjerystraße Ost auf der kleinen Tafel oberhalb des Straßenschilds. Und seine Lebensdaten: 18.12.1836–7.12.1900. Karge Infos sind das über einen Mann, der im preußischen Berlin eine durchaus schillernde Persönlichkeit gewesen sein muss, mit kosmopolitischen Wurzeln. Seine Familie stammt aus Konstantinopel, wo sie zur griechischen Minderheit gehörte. Die Handjerys machten Karriere in der katholischen Gemeinde der muslimischen Metropole wie auch in der Bürokratie des Osmanischen Reiches. Weil sein Großvater 1807 während des russisch-türkischen Kriegs kurzzeitig Fürst von Moldawien gewesen war, erstritt sich der Enkel später in Deutschland das Recht, den Titel Prinz zu führen.

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Nach der griechischen Revolution 1821 floh die Familie über Odessa nach Moskau, 1845 übersiedelte der neunjährige Nikolaus mit seinen Eltern und Geschwistern nach Dresden, nach dem Tod des Vaters gingen Mutter und Sohn nach Berlin, wo er preußischer Staatsbürger wurde. Und als studierter Jurist zunächst die Militär- und dann die Verwaltungslaufbahn wählte.

15 Jahre, von 1870 bis 1885, lenkte Prinz Handjery als Landrat die Geschicke des riesigen Kreises Teltow, der damals das gesamte suburbane Gebiet südlich von Berlin umfasste. Und weil er mit 26 neuen Chausseen nicht nur die florierende Metropole besser ans Umland anschloss, sondern als Reichstagsabgeordneter auch die Interessen seines Kreises im Zentrum der Macht geschickt zu vertreten wusste, wurde Teltow zum fettesten Teil des hauptstädtischen Speckgürtel. 450 000 Steuerzahler brachte Teltow 1920 nach Groß-Berlin mit ein, sehr viele davon zählten zur gehobenen Klientel.

Letzte Ruhestätte in Schöneberg

Ob Nikolaus Handjery aus freien Stücken ein Leben lang unverheiratet blieb und die Möglichkeiten, die Berlin in Bezug auf gesetzlich eigentlich verbotene Vorlieben bot, zu schätzten wusste? Bekannt wurde über sein Sexualleben jedenfalls nichts, sonst hätten die braven Bürger aus seinem Landkreis nicht gleich drei Straßen nach ihm benannt. Neben den beiden, die nur seinen Nachnamen tragen, gibt es in Zehlendorf auch noch eine Prinz-Handjery-Straße. Seine letzte Ruhestätte fand der Prinz in Schöneberg, auf dem Friedhof an der Hauptstraße. Hier liegt er neben seiner Mutter, einer geborenen Glasenapp.

Ach ja, das Haus, vor dem damals unsere Halteverbotsschilder standen, haben wir uns dann irgendwann doch mal angeschaut. Und waren uns einig, dass wir glücklicher sind mit unserer Friedenauer Altbauwohnung. Es handelt sich beim Adlershofer Gegenstück nämlich um eines dieser Nachwende-Investorenobjekte, architektonisch anspruchslos, mit renditemaximierten Grundrissen. Das übrigens in geradezu satirischer Weise von einer Ansammlung bewohnter Baracken auf der gegenüberliegenden Straßenseite kontrastiert wird, die unter hohen Bäumen so tun, als stünde Walter Ulbricht immer noch an der Spitze des Zentralrates des SED.

Gegen die Tiefgarage allerdings, die zum Neubau gehört, hätte ein von spätabendlicher Parkplatzsuche gebeutelter Friedenauer tatsächlich gar nichts einzuwenden.

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