Tanzkompagnie Meg Stuart : Nomaden aus der Zukunft

Tanz zur Berlin Art Week: Meg Stuarts Kompagnie Damaged Goods zeigt in den Reinbeckhallen ihre Performance „Projecting“.

Meg Stuarts Kompagnie Damaged Goods mit "Projecting".
Meg Stuarts Kompagnie Damaged Goods mit "Projecting".Foto: Laura van Severen / HAU

Bei Sonnenuntergang wirkt das Gelände vor den Reinbeckhallen in Oberschöneweide fast idyllisch. Auf der Freifläche am Spreeufer kommt eine malerische Schar zusammen. Zwei Tänzer mit nackten Beinen kurven auf Fahrrädern herum. Ein Auto wird mit Glitzerstoff und Kunstblumen geschmückt. Ein Mann fährt auf einem kleinen Bagger herbei, ein Tänzer setzt sich auf die Schaufel, wird emporgehoben und im Kreis herumgefahren.

Meg Stuart und ihre Kompanie Damaged Goods zeigen im Rahmen der Berlin Art Week ihre ortsspezifische Performance „Projecting “. Das Auftragswerk der Ruhrtriennale 2017 hat Stuart mit dem Bühnenbildner Jozef Wouters und acht Tänzern in der Zentralwerkstatt der Zeche Lohberg erarbeitet. Mit den Reinbeckhallen wurde für diese große Koproduktion des HAU ein passender Ort im Berliner Süden gefunden. „Wir haben uns vorgestellt, wir sind Nomaden aus der Zukunft, die in die Gegenwart zurückkehren und ihr altes Wissen mitbringen“, sagt Meg Stuart.

Mit Leuchtstäben weisen die Performer dem Publikum den Weg in die Halle. Dort findet sich die Zuschauer zwischen den Regalen einer Lagerhalle wieder. Die Tänzer vermessen den Raum mit ihren Körpern, turnen über die Regale und liegen wie Ware auf den Brettern. Meg Stuart mischt mit bei den Aktionen. Mit gestreckten Armen schreitet sie die Gänge ab. Später muten ihre Bewegungen wie Roboter-Greifarme an. Dann wieder scheint sie etwas in ihren Handteller zu streuen – eine Geste, die man eher mit Säen verbindet. Mit viel Fingerspitzengefühl lockt die Choreografin einzelne Zuschauer heran. Es kommt zu zarten Berührungen.

Sehnsucht nach Gemeinschaft

In der größeren Halle variieren die Tänzer die mechanischen Armbewegungen, während das Dröhnen stärker wird und die Körper zu implodieren scheinen. Stuart weist den Performern nun eine bekannte Rolle zu: Im Spiel befreien die Künstler sich vom reinen Nützlichkeitsdenken und verwandeln die Fabrikhalle in einen Ort der Imagination. Doch vieles wird nur angetippt. Ein Tänzer versucht, einen Fallschirm aufsteigen zu lassen. In einem zärtlichen Duett pinseln sich zwei Männer blau an. Ein Quartett bewegt sich auf meditative Weise wie beim Tai Chi. Die kollektiven Rituale der Tänzer wirken mal sinnlich, mal versponnen.

Es hat etwas zutiefst Romantisches, dieses Zurückgreifen auf alte Praktiken, diese Sehnsucht nach Gemeinschaft. Zum Schluss führen die Tänzer draußen eine Art Stammestanz auf. Da werden die Kunst-Arbeiter zum verschworenen Esoterikzirkel.

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Weitere Vorstellungen 2./3. und 5. bis 7. Oktober, 19 Uhr

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