Touristen bleiben weg, Geld für Sicherheitspersonal fehlt

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Tutanchamun : Wo die Toten wohnen
Christian Schröder
Goldmaske des Pharaos Tutanchamun
Goldmaske des Pharaos TutanchamunFoto: Semmel Concerts GmbH

Jahrtausendelang haben in Ägypten die Lebenden die Toten genährt. Das Alte Reich soll einer Theorie nach um 2220 v. Chr. zugrunde gegangen sein, weil es vom Pyramidenbau und den täglich zu entrichteten Opfergaben ökonomisch überfordert war. Später kehrten sich die Verhältnisse dann um. Die Toten ernährten die Lebenden. Nachdem Napoleons Feldzug zu den Pyramiden 1798 in Europa eine Ägyptomanie ausgelöst hatte, kamen Millionen Besucher in das Land, um die Monumente zu besichtigen, die dort für die Toten errichtet worden waren. Doch seit der Ägyptischen Revolution vor zwei Jahren scheint das Geschäftsmodell nicht mehr zu funktionieren. Die Touristen, erschreckt von den Gewaltbildern im Fernsehen, bleiben weg, die Zahlen sind um zwei Drittel eingebrochen. Dass in der letzten Woche 19 Touristen bei einem Heißluftballonunfall in der Nähe von Luxor starben, wird die Ängste weiter wachsen lassen.
So trifft der Reisende, der in diesem ungewöhnlich heißen ägyptischen Vorfrühling unterwegs ist zu Tutanchamun, auf fast leere Hotels, halb verwaiste Basare und Luxusdampfer, die im Hafen liegen, statt über den Nil zu fahren. Bereits Agatha Christie hatte die fliegenden Händler an den Pyramiden mit einem „menschlichen Fliegenschwarm“ verglichen, doch die Vehemenz, mit der sie sich jetzt auf die wenigen Gäste stürzen, hat etwas Verzweifeltes an sich. „Für die Archäologie war die Revolution eine Katastrophe“, sagt der Wiener Ägyptologe Wilfried Seipel. Weil mangels Einnahmen die Sicherheitskräfte nicht mehr bezahlt werden können, bleiben viele antike Stätten sich selbst überlassen. Es kam zu Raubgrabungen und Diebstählen, selbst aus dem Ägyptischen Museum in Kairo sind im Chaos des Aufruhrs 55 Objekte verschwunden, darunter auch Stücke aus dem Tut-Schatz. 35 Objekte haben die Museumsleute bislang zurückholen können.
Auf der Eingangstreppe des Winter Palace Hotels in Luxor, einem kolonialen Prachtbau aus dem späten 19. Jahrhundert, hatte einst Howard Carter die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun verkündet. Zahi Hawass ist eigentlich gekommen, um im Bankettsaal sein Buch „Tutanchamun – die Legende“ vorzustellen, das im Sommer erscheint. Aber er redet sich in Rage: „Was gerade in Ägypten passiert, ist ein Desaster.“
Als Antikenminister hat Hawass die Altertümerverwaltung zehn Jahre lang mit harter Hand geführt. Er vertrieb Händler und Kamelverleiher aus den antiken Stätten, ließ das Tal der Könige mit einer Mauer schützen und Siedlungen abreißen, um die Sphinxallee ausgraben zu können, die einst den Karnak-Tempel mit dem Luxor-Tempel verband. Das machte ihm Feinde. Im Sommer 2011 wurde Hawass entlassen, die neue Regierung nennt ihn einen „Mubarak-Mann“. Jetzt sieht er sein Lebenswerk bedroht.

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