Verein Endmoräne in Eisenhüttenstadt : Kunst im verlassenen Kinderheim

Die Künstlerinnen des Vereins Endmoräne spielen mit der Geschichte eines leerstehenden Kinderwochenheims in Eisenhüttenstadt.

Petra Welzel
Kindheitsmuster. Zur Eröffnung zeigte die Künstlerin Gunhild Kreuzer ihre Performance „Das Raster auf dem Ast da“.
Kindheitsmuster. Zur Eröffnung zeigte die Künstlerin Gunhild Kreuzer ihre Performance „Das Raster auf dem Ast da“.Foto: Endmoräne

Auf einem dicken Backstein, leicht zu übersehen, steht ein verrotteter Spielzeug-Rennwagen. Nicht einmal handgroß, posiert er am Eingang wie eine Skulptur. Es ist vielleicht das winzigste Detail dieser Ausstellung in dem ehemaligen „Kinderwochenheim 2“ in Eisenhüttenstadt. Und eben leicht zu ignorieren, halten Stein und Matchbox-Auto lediglich die Eingangstür offen. Dennoch gibt das Objekt eine Blickrichtung vor: In der diesjährigen Sommerwerkstatt der Künstlerinnen vom Berliner und Brandenburger Verein Endmoräne ist die Augenhöhe eines Kleinkindes das Maß. Jahrzehntelang waren in dem zweistöckigen Bau der fünfziger Jahre rund 60 Kinder im Alter zwischen sechs Wochen und sechs Jahren untergebracht. Und das nicht nur von morgens bis nachmittags, sondern Tag und Nacht.

Ganz unmittelbar auf die Augenhöhe eines Kleinkindes begeben hat sich von den 18 beteiligten Künstlerinnen Margita Haberland. Für ihre aktuelle Videoinstallation schob sie einen mit Kamera ausgerüsteten Buggy durch die Straßen der Stadt. Jetzt steht ein Fernseher in dem Buggy in einem der unteren Räume. Und in Endlosschleife läuft dort die Welt aus der Perspektive eines Kindes, mal in Realzeit, mal im Zeitraffer im Sauseschritt.

Im Waschraum im Obergeschoss bittet Dorothea Neumann, sich auf Höhe der Kinderwaschbecken und Spiegel zu begeben. Das immer selbe Porträt eines Kindes scheint zigmal in allen Spiegeln des schmalen Raums auf. Im gegenüberliegenden Schlafsaal hat Neumann die Wände mit Sätzen tapeziert, die Kinder oft zu hören bekommen. So wie der irgendwie in sich gekehrte Blick des Kindes im Bad berührt, erschreckt dort, wie selten Kinder offenbar aus Sicht der Künstlerin gelobt oder mit lieben Worten bedacht werden. Ermahnungen und Verbote haben die Oberhand.

Schaurig schöne Installation mit fragmentierten Barbies

Bisher haben die Künstlerinnen der Endmoräne überwiegend und getreu ihrem Namen Steine und Schutt aus verlassenen Orten in Neuhardenberg, Cottbus oder Wittenberge geräumt. Teils schon dem Zerfall überlassenen Häusern und Fabriken haben sie ihre Geschichte zurückgegeben und mit ihren künstlerischen Interventionen an die Gegenwart angedockt. Das gilt auch für das Kinderwochenheim in Eisenhüttenstadt. Doch ist kein anderer Ort zuvor so mit Emotionen aufgeladen worden.

In Eisenhüttenstadt begeben sich die Künstlerinnen zurück in die Kindheit, oftmals in die eigene. Susanne Ahner etwa hat die Überreste ihres Kinderzimmers aus den Sechzigern und ihrer Kindheit in Westdeutschland mitgebracht. Entstanden ist eine schaurig schöne Installation mit fragmentierten Barbies, die wie an Spinnenfäden im geöffneten Spielzeugschrank hängen. Auf dem Boden türmen sich Puppen und Kuscheltiere. Es herrscht eine Unordnung, wie es sie in dem Wochenheim nie gegeben haben wird. Dort folgte der Alltag strengen Regeln wie dem kollektiven Töpfchengang, den Ingrid Kerma in einem anderen Waschraum inszeniert.

Kommentare Ehemaliger und Angehöriger stehen auf den Wänden

Der Alltag im Heim ist auch Kern der Intervention von Katrin Glanz. Sie machte sich auf die Suche nach ehemaligen Kindern, die im Heim quasi aufgewachsen sind – und nach einstigen Erzieherinnen. In Signalrot hat sie „Alles gut“ auf eine Wand des früheren Aufenthaltsraums der Erzieherinnen geschrieben. Dass nicht alles gut war, dokumentieren Kommentare Ehemaliger und Angehöriger auf allen vier Wänden des Raums. „Aus der Not geboren“ ist noch einer der positiveren Kommentare.

Als Eisenhüttenstadt im Jahr 1950 – damals noch Stalinstadt genannt – auf dem Reißbrett entworfen und für die künftigen Stahlbauerfamilien fertiggestellt wurde, galt es als Auszeichnung, nach Stalinstadt geschickt zu werden. Dort sollte der neue sozialistische Mensch an seiner Aufgabe, dem Wiederaufbau des Landes, wachsen. „Ich wusste gar nicht, wo das liegt“, sagte am Eröffnungstag der Ausstellung Ingeborg Schönfeld, die das Heim ab 1960 elf Jahre lang leitete. 1954 wurde sie mit 17 Jahren „administrativ eingesetzt“, so Schönfeld, zunächst im benachbarten Kindergarten. Man habe versucht, es den Kindern so schön wie möglich zu machen. „Er ist nicht beziehungsfähig“, hat jemand über einen Wochenheim-Jungen an Glanz’ Wand geschrieben. Es ist nur ein Detail, aber es hinterlässt eine Spur, so wie der Rennwagen am Eingang.

Sommerwerkstatt Endmoräne, Erich-Weinert-Allee 4, Eisenhüttenstadt; bis 1. 7., Sa & Sonntag 13–18 Uhr

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