Vilnius : Daniel Libeskind hat ein Museum für moderne Kunst gebaut

Neuer Anziehungspunkt in Litauens Hauptstadt: Das Modern Art Museum in Vilnius arbeitet sich an der rasant wandelnden Realität ab - und gibt einer neuen Generation Raum. Ein Besuch.

Eckhart J. Gillen
Klare Kante. Das neue Museum moderner Kunst in der litauischen Hauptstadt geht auf eine Privatinitiative zurück.
Klare Kante. Das neue Museum moderner Kunst in der litauischen Hauptstadt geht auf eine Privatinitiative zurück.Foto: The Space Cowboy Photography

Wie der weite Rachen eines Walfisches öffnet sich in Vilnius, der Hauptstadt Litauens, das neue Modern Art Museum dem Publikum, das seit seiner Eröffnung im vergangenen Oktober tatsächlich die Menschen in Scharen anzieht. Daniel Libeskind, der mit seinem Jüdischen Museum in Berlin die Museumsarchitektur revolutioniert hat, lässt auf breiter Front eine Treppenanlage das Gebäude durchqueren, die in einer Dachterrasse mündet. Im Inneren verbindet eine elegante Wendeltreppe die Lobby mit den beiden Ausstellungsetagen.

Die weitläufige Architektur fügt sich dennoch mit ihren Fluchtlinien perfekt in die kleinteilige Struktur der seit 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden Altstadt von Vilnius ein, die mit ihren gotischen und barocken Kirchen und Synagogen als das Jerusalem des Nordens galt und seit einigen Jahren eine Renaissance erlebt. Von Berlin dauert der Flug nach Vilnius nur anderthalb Stunden.

Nach der Unabhängigkeit entstand ein Vakuum

Initiatoren des ungewöhnlichen Museums sind Viktoras Butkus und seine Frau Danguole Butkiene. Vor genau zehn Jahren begannen sie, litauische Kunst zu sammeln. Die finanzielle Basis legte der habilitierte Chemiker Butkus mit dem Verkauf seiner Firma Fermantas an einen amerikanischen Biotechnologie-Konzern. Mit der Entscheidung der Stifter für die Kunsthistorikerin und Professorin der Kunstakademie, Raminta Jurénaite, als Kuratorin der Sammlung hat das Haus sein Herz und seine Seele gefunden. Sie ist in der litauischen Kunstszene bestens vernetzt und genießt das Vertrauen der Künstler, von denen viele der jüngeren Generation bei ihr studiert haben.

Sie entwickelte für die Sammler das Konzept des Museums und nutzte das Vakuum, das die staatlichen Museen, insbesondere die litauische Nationalgalerie, hinterließen, als das Land 1990 seine Unabhängigkeit wieder erlangt hatte. Denn alle die Werke, die seit dem Beginn des Tauwetters in den späten fünfziger Jahren entstanden, mit denen die Künstler die neuen Freiräume ausloteten, um sich vom zwanghaften Optimismus des Sozialistischen Realismus zu befreien, wurden natürlich damals von staatlichen Stellen nicht angekauft. Sie blieben in den Ateliers verborgen und konnten allenfalls gelegentlich in Wohnungen und kleinen Galerien gezeigt werden.

Reichtum künstlerischer Handschriften und Motive

Der neue Staat aber hatte weder Kenntnis von diesen Werken noch Interesse an ihnen und auch nicht die Mittel, um das jetzt auf private Initiative hin zustande gekommene überwältigende Panorama einer von den offiziellen Normen abweichenden Kunst zu erwerben. Daher überrascht nicht die Nationalgalerie am nördlichen Uferhang des Neris, sondern das Modern Art Museum den westlichen Besucher mit einem Reichtum künstlerischer Handschriften und Motiven, die niemand in einem Land mit kaum drei Millionen Einwohnern vermutet hätte.

Unter dem Motto „Diese Kunst handelt von uns“ werden die Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Filme in vier parallel angeordneten Sektionen gezeigt, die der Abstraktion, den Dramen und Mythen der Geschichte und Gegenwart, dem Alltag und dem Kontrollverlust in einer sich rapide wandelnden Realität gewidmet sind.

All diese Werke verbindet die existentialistische Reaktion auf die verlogene Verklärung der sowjetischen Wirklichkeit. Wir bekommen stattdessen nüchterne Einblicke in den Alltag der Litauer, die unter sowjetischer Herrschaft zur sozialistischen Menschengemeinschaft „harmonisiert“ werden sollten.

Kein Bedauern der „Großen Utopie“

Wir werden mit einer fremden, ärmlichen und ritualisierten Welt konfrontiert, die von den Versatzstücken sowjetischer Einheitskultur gezeichnet ist. Mit kritischer Distanz, voller Empathie für die Zeitgenossen dokumentieren etwa die Fotografien von Antanas Sutkus die Tristesse einer angehaltenen Zeit bis zur Selbstbefreiung in der singenden Revolution. Die Künstler der jüngsten Generation öffnen uns die Augen für den doppelbödigen Alltag in den postsozialistischen Ländern und die surrealen Aspekte des Transformationsprozesses. Sie wehren sich gegen eine alles verzehrende Medien- und Konsumgesellschaft, in der auch Geschichte zum frei zitierbaren Zeichenarsenal auf T-Shirts oder in der Pop-Musik geworden ist.

Keiner der Künstler bedauert das Ende der „Großen Utopie“. Vielmehr ermöglichte die Wende 1990 eine unerwartete Rückkehr der Geschichte. Der forcierten Sowjetisierung wurde eine intensive Analyse der jüngsten Vergangenheit entgegengesetzt: „Wir haben ohne Geschichte gelebt wie ein Baum ohne Wurzeln“, erklärt ein Stadtrestaurator aus Klaipeda (Memel). Erst die Rückbesinnung auf die eigene Geschichte ermöglicht den Künstlern, die eigene Herkunft und kulturelle Identität in der Vielstimmigkeit Europas neu zu bestimmen und zu erkunden, die durch Massendeportationen nach Sibirien und eine rigorose Russifizierungspolitik nach 1944 infrage gestellt wurde.

Die Eliten der Gesellschaft wurden in mehreren Deportationswellen in den Gulag verbannt, viele starben schon auf dem Transport in Viehwaggons. Wir werden so Zeugen einer Suchbewegung mit offenem Ausgang, von der noch viele bedeutende Werke erwartet werden dürfen.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!