Kultur : Warum sieht man in Paris so viele Obdachlose?

Tobias Haberkorn

Mittlerweile gehören sie genauso zum Stadtbild wie die Pariser Flaneure, die mit lässig über die Schulter geworfenem Jackett umher- schlendern. Ihre Erkennungsmerkmale sind allerdings weniger romantisch. Sie tragen zerlumpte Kleider und zottelige Haare, statt eines süßlichen Odeurs umweht sie ein strenger Geruch und ihren Rotwein trinken sie nicht aus dickbauchigen Gläsern, sondern aus Tetra-Paks. Der politischen Korrektheiten wegen prägte man in Frankreich den Begriff SDF (sans domicile fixe – ohne festen Wohnsitz) für die über 100 000 Obdachlosen: Clochard, bei uns mit Reiseführerromantik unter Seine-Brücken behaftet, ist im Nachbarland ein Schimpfwort.

Besonders sichtbar ist der Wohnungsnotstand in der Pariser Innenstadt. Obdachlose richten sich Matratzenlager auf Prachtboulevards und am Seine-Ufer ein. Ab und an müssen Fußgänger einen großen Bogen machen, um nicht auf einen delirierenden SDF zu treten, der sich auf dem Trottoir langgestreckt hat. Spätestens seit vergangenem Dezember sind die Obdachlosen zum Politikum geworden. Eine Bewegung schlug am malerischen Canal Saint-Martin über 400 Zelte auf, um den frierenden SDF Obdach und Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Für Julika Groß, Examenskandidatin an der Pariser Grand École für Politik, reicht der hohe Quadratmeterpreis allein als Erklärung nicht aus. Viele Immobilienbesitzer scheuten sich, leerstehende Wohnungen zu vermieten, meint sie. Denn wenn erst mal ein Vertrag zustande gekommen ist, stellt das Mietrecht den Vermieter in eine schwache Position. Es ist ihm zum Beispiel verboten, einen säumigen Mieter im Winter vor die Tür zu setzen, auch wenn er über Monate nicht zahlen kann. Dass erfolgreiche Juristen sich bei der Wohnungssuche am schwersten tun, ist ein Pariser Treppenwitz.

Die Kommunen sind sogar vom Staat verpflichtet, günstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Da es aber nicht besonders chic ist, Sozialbauten in der Nachbarschaft zu haben, ziehen viele Pariser Arrondissements ein Strafgeld vor. Im aktuellen Wahlkampf verspricht Präsidentschaftskandidat Nicolas Sarkozy am lautstärksten Abhilfe. In zwei Jahren werde es keine Obdachlosen mehr in Frankreich geben, lautet sein Versprechen. Neuilly-sur-Seine, der Pariser Nobelvorort, in dem Sarkozy seine Karriere als Bürgermeister begann, hält übrigens den Strafgeldrekord.

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