Wer gehört dazu? : Zwei Berliner Theater stellen sich dem deutschen Nationalismus

Doppelspiel zu einem brandaktuellen Thema: „Die Anderen“ an der Schaubühne und Jelineks „Wolken. Heim“ am Deutschen Theater befragen die Angst vor Fremden.

Gesellschaftskrimi. Bei Jelinek agiert ein Quintett auf der Bühne.
Gesellschaftskrimi. Bei Jelinek agiert ein Quintett auf der Bühne.Foto: Arno Declair

Alda (Jule Böwe) hat ein Problem. Mit blutverschmierten Klamotten und einem riesigen dunklen Sack im Schlepptau kommt sie in die Hotellobby gekeucht. Ihr Gatte René (Kay Bartholomäus Schulze), mit dem sie das seltsame Wirtshaus führt, schaut fassungslos durch seine trüben Brillengläser. Und während sich das Ehepaar bald gegenseitig für alle erdenklichen Verfehlungen benöhlt, beginnt sich der Sack auf dem Boden zu bewegen.

Im Publikum macht sich Heiterkeit breit: Ist es eine Komödie? Oder eine Tragödie? Die Frage nach der Freiwilligkeit des Humors bleibt nicht nur in dieser Szene offen.

Fest indes steht, dass wir uns in der nahen Zukunft des Jahres 2023 befinden und im bewegten Sack ein junger Mann namens Ulysses (Bernardo Arias Porras) steckt.

Alda hat ihn unterwegs – ohne Licht am Auto, aber dafür mit einigem Alkohol im Blut – angefahren und zu Vertuschungszwecken mit ins Hotel gebracht.

Die in jeder Hinsicht abgelegene Wirtshaus-Bude trägt nicht zufällig den Namen „Zum alten Kontinent“. Man definiert hier sehr klar, wer dazugehört. Und wer – wie Ulysses – „Die Anderen“ sind, denen Anne-Cécile Vandalems Produktion in der Berliner Schaubühne ihren Stücktitel verdankt.

Ursprünge des deutschen Nationalismus

Ein hochaktuelles Thema also, das nicht nur am Lehniner Platz verhandelt wird. Auch eine neue Inszenierung am Deutschen Theater kreist um ein geradezu manisch heraufbeschworenes „Wir“ und den Ausschluss des vermeintlich „Anderen“: Regisseur Martin Laberenz hat sich in den DT-Kammerspielen Elfriede Jelineks 1988 uraufgeführte Zitat-Collage „Wolken. Heim“ vorgenommen.

„Wir sind bei uns“, heißt es leitmotivisch in dem Text, der in der (idealistischen) Philosophie und kanonischen Dichtung von Heidegger über Hegel bis zu Hölderlin und Kleist die Ursprünge des deutschen Nationalismus aufzeigt.

Video
Zehntausende bei Unabhängigkeitsmarsch der extremen Rechten in Warschau
Zehntausende bei Unabhängigkeitsmarsch der extremen Rechten in Warschau

Während es sich bei Jelinek im DT um einen vergleichsweise abstrakten Diskurstext handelt, versucht sich die Autorin und Regisseurin Anne-Cécile Vandalem, die in der Schaubühne bereits Gastspiele beim FIND-Festival zeigte, jetzt aber erstmals mit dem dortigen Ensemble arbeitet, an einer Art plastischem Gesellschafts-Krimi in realistischem Bühnen-Setting.

Die Zugriffe könnten unterschiedlicher kaum sein. Was allerdings in beiden Fällen nahezu identisch ausfällt, ist – leider – die postperformative Enttäuschung. Denn weder der eine noch der andere Abend bekommt sein Thema in den Griff.

[„Die Anderen“ wieder vom 3.-5., 7.,8. 12., „Wolken. Heim“ am 7., 13., 29. 12.]

Martin Laberenz fällt zu Jelineks Text wenig mehr ein, als ein zunächst glitzergrün und später schwarz kostümiertes Schauspieler-Quintett in Gartenstühlen vor Kunstrasen zu platzieren. Genauso unfertig wie der hinter den Akteuren entstehende Sperrholz-Bau wirkt die Inszenierung: Es wäre sicher ein lohnendes Unterfangen, dieses von Jelinek noch vor dem Mauerfall kompilierte Zitatgeflecht neu zu befragen und zu akzentuieren.

Bei Martin Laberenz wird eher frei schwebend deklamiert als durchdrungen. Das zeigt sich auch daran, dass sich die Schauspielerinnen und Schauspieler in der Premiere häufig an die Souffleurin wenden müssen.

So entwickeln sich, immerhin, ganz eigene Verweisungszusammenhänge: Wenn auf der Bühne jemand fragt, worauf sich „unsere Sicherheit“ stützt, erntet er Lacher aus dem sichtlich ironiebegabten Parkett.

Der Abend fühlt sich an wie ein mittelmäßig inspirierter „Tatort“

Heitere Stimmung herrscht bisweilen auch in der Schaubühne – und auch dort ist sie bitter nötig. Denn ansonsten wirkt Anne-Cécile Vandalems pausenloser 135-Minüter in seiner wahllos zusammengequirlten Motivik eher wie ein mittelmäßig inspirierter „Tatort“ mit unklaren Ironie-Signalen – nur eben deutlich länger.

Von buchstäblich heruntergekochten kannibalischen Praktiken aus der antiken Dramatik bis zu „Arsen und Spitzenhäubchen“, von Psychothriller-Verweisen bis zur guten alten Tierfabel, von der Pathosbehauptung bis zum Farce-Moment ist praktisch alles dabei in Anne-Cécile Vandalems Produktion, die sich in arger Vorhersehbarkeit über Christophe Engels’ und Karolien de Scheppers Drehbühne schleppt.

Die besteht aus einem mit Liebe zum absichtsvoll biederen Detail ausgestatteten Hotel-Bungalow mitten im finsteren Wald. Live-Video und Übertragungsleinwand ermöglichen Einblicke in entlegenere Winkel dieses in jeder Hinsicht düsteren Dorfgeschehens.

Dazu nur so viel: Der eingangs im Sack hereingeschleppte „Ausländer“ bleibt nicht der Einzige, der erst im Hotel festgehalten und später spurlos verschwinden wird.

Es folgen unter anderem das in Kunst und Dramatik ebenfalls gern bemühte Motiv rätselhafter Kinderlosigkeit im Dorf, ferner diverse Albträume, mindestens ein mittelschwerer Fall erotischer Projektion und vieles andere, das schließlich bei einem finalen Dorf-Dinner endlich seiner wenig überraschenden Auflösung entgegenstrebt.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!