Mädchen, die aus bourgeoisen Verhältnissen ausbrechen, haben sie eine zeitlang fasziniert

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Werkschau zu Isild Le Besco im Kino Arsenal : Mythos in Großaufnahme
Ewige Rebellin.Isil Le Besco in "Camping Sauvage" (20059:
Ewige Rebellin.Isil Le Besco in "Camping Sauvage" (20059:Foto: Arsenal

Auch in Cédric Kahns rabiater Gangsterballade „Roberto Succo“ (2001) erfährt Isild le Besco einen Schock. Mädchen, die aus öden bourgeoisen Elternhäusern ausbrechen, die um der ersten Liebe willen auf die schiefe Bahn geraten und an der Seite egomanischer Desperados mit sich selbst konfrontiert werden, schienen die Schauspielerin eine zeitlang zu faszinieren. Dann aber übernahm sie mehr und mehr Rollen, die weiter gingen und sich unmittelbarer auf die Seite der unangepassten, anstößigen, anarchischen Mädchen schlugen.

In „Camping sauvage“ (2005) provoziert sie als spätpubertierende Rebellin gegen die kleinbürgerliche Dumpfheit ihrer Eltern. Während des gemeinsamen Urlaubs auf einem Campingplatz trägt sie dick auf, zeigt sich in aufreizendem Outfit und beginnt unter den Augen der Eltern eine Liaison mit einem kauzigen älteren Camper, auf die nur der Ausbruch in ein wildes Roadmovie folgen kann. Noch heftiger und ungefälliger gibt sich ihre einsame Antiheldin in „Pas douce“ (2007), einem Film der Schweizer Regisseurin Jeanne Waltz. Da brodelt existenzielle Wut in Frédérique, die eigentlich als Krankenschwester auf fürsorgliches Verhalten festgeschrieben ist. Frédérique will sich umbringen, verletzt jedoch irrtümlich bei ihrem Versuch, sich zu töten, einen 14-jährigen, ebenso aggressiven Jungen. Als dieser in das Krankenhaus eingeliefert wird, in dem die Schwester Dienst tut, setzt ihr Opfer ihr so viel Widerstand entgegen, dass die Lebensmüde darüber neue Kraft gewinnt und endlich Zugang zu einem anderen Menschen findet.

Außenseiter, radikal Freiheitsuchende sind auch die Figuren, die Isild le Besco in ihren eigenen Filmen porträtiert. 2004 drehte sie „Demi-Tarif“, einen quasi-dokumentarischen Spielfilm über die Rumpffamilie dreier allein gelassener Kinder, moderne Wiedergänger der „schrecklichen Kinder“ von Jean Cocteau, die zwar noch zur Schule gehen, aber mehr und mehr in eine Parallelwelt anarchischer Umtriebe gleiten und dabei die Stadt als großen Abenteuerspielplatz erleben. Man könnte verblüfft zuschauen, was die Kinder, unter ihnen le Bescos zehnjähriger Halbbruder Kolia Litscher) anstellen, wäre da nicht der Vor- und Abspann des Films, der nichts außer milchig-trüben Unterwasseraufnahmen zeigt, ein Schweben ohne Ziel.

Freiheit, so das Lebensgefühl ihrer Filme, ist Isild le Besco mehr wert als der bequeme Vorschein von Glück. In „Charly“ (2007) büchst der pubertierende Nicolas (Kolia Litscher), der bei seinen Großeltern auf dem Land lebt, aus und gerät an eine Prostituierte, die ihn im Campingtrailer aufnimmt und ihrem strengen Sinn für die Kontrolle aller Alltagsrituale unterwirft. Nicolas, der frustrierte Schüler, hat Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“ in der Tasche. Als die Verlorenen diesen Text zusammen lesen, finden sie für Momente zusammen.

Kino Arsenal, Potsdamer Straße 2, bis 31. Oktober

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