Wiglaf Drostes letzter Gedichtband : Wie Satire wirklich geht

Der Hass war ihm fremd: In „Tisch und Bett“ gibt Wiglaf Droste Handlungsempfehlungen für Wutbürger und zeigt noch einmal seine augenzwinkernde Humanität.

Carsten Otte
Bildnummer: 52500769 Datum: 14.03.2008 Copyright: imago/Mario Kühn Autor Wiglaf Droste im Galore-Lesecafe auf der Leipziger Buchmesse, Personen , optimistisch; 2008, Leipzig, Internationale Buchmesse, Pressetermin, Literatur, Musik, Musiker, Sänger; , Quadrat, Kbdig, Porträt, Froschperspektive, Perspektive, Schriftzug, Logos, Randbild, People
Bildnummer: 52500769 Datum: 14.03.2008 Copyright: imago/Mario Kühn Autor Wiglaf Droste im Galore-Lesecafe auf der Leipziger...Foto: imago stock&people

Der große Unterschied zu dem, was heute als Satire verkauft wird, und der Sprachkunst, die Wiglaf Droste betrieb, besteht nicht nur in der humoristischen Fallhöhe, sondern in den zarten Zwischentönen, die sich in jeder noch so rabaukenhaften Polemik dieses vergangenes Jahr so früh verstorbenen Autors findet.

Zugespitzt waren selbst die Glossen des 1961 in Herford geborenen Lehrersohns, durchaus drastisch seine Wortwahl, wahrten aber stets die Menschenwürde. Denn Droste war – um es mal pathetisch zu formulieren – ein Liebender.

Der Hass war ihm fremd. Das wird auch in seinem posthum veröffentlichten Gedichtband „Tisch und Bett“ deutlich: „Der Protz, der pumpend Hanteln stemmt: / Er ist mir fremd. / Muss ich ihn hassen? (…) Der Pfarrer, frömmelnd und gehemmt: / Er ist mir fremd. / Muss ich ihn hassen? / Der Koranist, der jede Lebensfreude dämmt: er ist mir fremd. Muss ich ihn hassen?“ 

„Kopfkühlbrause und Hasspizza“ für Wutbürger

Stattdessen empfiehlt der Dichter den Wutbürgern in allen politischen und religiösen Lagern: „Stellt euch unter die Kopfkühlbrause / und macht mal Hasspizza-Mittagspause.“ 

Diese Zeilen, die mit „Fremdenhass“ überschrieben sind, möchte man am liebsten jenen Leuten als Dauerantwort in den zumeist asozialen Kanälen zurufen, die aus allerlei Differenzen unter den Menschen rigide Identitätsideologien basteln. 

Droste brauchte weder Hegel noch Adorno, um zu erkennen, dass abstrakte Negation immer wieder auf die Verneinenden zurückschlägt – und dass die Gedanken erbitterter Gegner sich oft ähnlicher sind, als die Hassenden es wahrhaben wollen.

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Aus den Gedichten Drostes indes spricht eine augenzwinkernde Humanität. Vor allem wenn es um das Verhältnis der Geschlechter geht, zeigt sich sein dogmenfreier wie einfühlsamer Blick: „Es soll dich, Süße, stehts ein sanfter Kuss aufwecken; / ich möchte nicht, dass rohe Wecker dich erschrecken. / Die Tiefe wie die Zartheit der Empfindung / sind weder männliche noch weibliche Erfindung."

Es ist erstaunlich, dass Droste sich seinen Themen und Formen ein Leben lang treu blieb: Neben Hymnen auf die „Rolle der Frau“ enthalten fast alle Bücher versierte Antikriegsprosa und strenge Religionskritik, gereimte Angriffe auf Zumutungen des linken wie rechten Zeitgeists sowie Spottgedichte auf in seinen Augen mediokre Helden des Literaturbetriebs. 

Die Zeilen „Ist der Zirkus noch so klein / Einer muss der Affe sein“ waren in seinem ersten, 1989 veröffentlichten Band „Kommunikaze", Rainald Goetz gewidmet, dem „Bluter von Klagenfurt“.

Mit zunehmendem Alter verlor er ein wenig das Interesse am täglichen Kleinklein des Feuilletons. Er beschäftigte sich vermehrt mit kulinarischen Themen, verließ das Kolumnenfach immer häufiger in Richtung Verskunst. 

Dem Tod die lange Nase gezeigt

Wer in seinen Büchern stöbert, wer frühe und späte Gedichte liest, wird nicht zuletzt im Hinblick auf einen völlig missratenen Mülltext in jenem Blatt, für das Droste jahrelang schrieb, wohl denken: So geht Satire! 

Und zwar weil dieses Schreiben der Aufklärung verpflichtet war und im Witz die Chance sah, stupide Freund-Feind-Schemata aufzubrechen. Sprachliche Experimente hingegen mochte Droste nicht. Das fröhliche Reimen war ihm wichtiger als die Suche nach einer außergewöhnlichen Metapher, die politische Pointe war ihm näher als ästhetische Zweideutigkeit. 

So haftet seiner Lyrik immer auch etwas Traditionelles an, was vielleicht den großen Erfolg seiner Arbeiten auch bei einem breiteren Publikum erklärt.

Wiglaf Droste hat in seinen posthum veröffentlichten Gedichten, etwa im „Kastanienlied“ oder in den grotesk-herrlichen „Gartengedanken“ nicht nur die Schönheit der Natur besungen, er hat auch in „Mein Grabstein“ dem Tod die lange Nase gezeigt. 

Im Kanon mit Wilhelm Buch und Joachim Ringelnatz

Ungewohnt melancholisch gibt sich der ansonsten so lebenshungrige Autor, der wohl ahnte, dass er keine hundert Jahre alt mehr werden würde. Den elf Gedichtzyklen ist ein Kurzpoem vorangestellt, das mit „Tja“ überschrieben ist: „Das Leben macht immer, was es will. / Manchmal scheint es bereit, sich zum Guten zu fügen. / Aber auch damit kann man sich immer betrügen. / Ich will nicht maulen und bin jetzt mal still.“ 

Als Droste starb, verstummte eine wortgewaltige Stimme nicht nur der politischen Satire, sondern eben auch einer Dichtkunst, die alles andere als still war und im medialen Meinungsmischmasch heute fehlt.

Auch wenn Droste über die Weihen der Kritik oft spottete, muss seine herzlich-humorige Poesie in jenen literarischen Kanon aufgenommen werden, zu dem Wilhelm Buch, Joachim Ringelnatz oder auch F.W. Bernstein und F.K. Waechter gehören. 

Der besondere Witz könnte dann sein, dass ausgerechnet Wiglaf Droste, der so zart besaitete Berserker, uns mit rührend schönen Kalendervierzeilern in Erinnerung bleibt: „Behalten wir’s im Auge, / dass die Welt was tauge, / dass aus der schönen, alten Erde, / womöglich, einmal eine werde.“
[Wiglaf Droste: Tisch und Bett Gedichte. Kunstmann Verlag, München 2020, 250 Seiten, 18 €.]

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