Kabarett in Charlottenburg, Techno in Friedrichshain

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Wildplakatieren in Berlin : Kleben und kleben lassen
Immer feste druff. Wildplakatierer wie Wolfgang, 58, bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone, pfeifen auf moderne Werbepsychologie - und prägen doch, mit einer ganz eigenen Ästhetik, das Bild Berlins.Alle Bilder anzeigen
Foto: David von Becker
06.12.2012 19:09Immer feste druff. Wildplakatierer wie Wolfgang, 58, bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone, pfeifen auf moderne...

„Ich war ausgezogen, um die Welt zu erobern, aber die Welt war bereits erobert“, lässt Autor und Allroundgenie Rocko Schamoni seinen Antihelden Michael Sonntag im Roman „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ einmal sagen. Sonntag, ein sich dem allgemeinen Leistungsdruck verweigernder Lebenskünstler aus Hamburg, verdingt sich als Roadie einer drittklassigen Band und Wildplakatierer für einen nervtötenden Haudrauf. Eine Romanfigur wie ein Passepartout für Wolfgang, den gebürtigen Dresdner, langhaarig schon als Jugendlicher, der irgendwann merkte, dass „eine Dauerkarte für einen Stehplatz bei Dynamo und ein paar Uriah-Heep-Platten unter dem Bett“ nicht die schlechtesten Lebensinhalte sind.

17 Jahre war Wolfgang, der 1984 im Rahmen einer Familienzusammenführung in Kreuzberg landete, mit seiner Frau verheiratet, gebürtig aus Bosnien, Hard-Rock-Fan so wie er. Eine glückliche Ehe, bis zu jenem Samstagabend vor zwei Jahren, Boxen im Fernsehen, als sie sagte, dass ihr plötzlich so übel sei, sie einen Schwall Blut erbrach und auf dem Weg ins Krankenhaus starb, eine gerissene Aorta, keine Chance, sagt Wolfgang, der seitdem noch mehr Zeit hat. „We will rock you“ singt das Autoradio.

„Lasst uns froh und munter sein“, steht auf dem Plakat, das Wolfgang jetzt klebt, Werbung für einen Weihnachtsmarkt, zweisprachig deutsch und englisch, Berlin-Mitte, Touristengebiet. An den drei Motiven, die Wolfgang an diesem Tag in ungefähr bemessener Mehrhunderterauflage im Auto hat, lässt sich einiges über die Bewohner der Viertel ablesen, in denen er sie schließlich an die Wände „knallt“: gediegenes Kabarett in Charlottenburg und Schöneberg, die Weihnachtsmarktwerbung in Mitte und Werbung für eine DVD über einen Technoschuppen in Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln. „Plakate sind praktisch nie Gesprächsthema, anders als beispielsweise Fernsehwerbung“, sagt Joachim Trebbe, Sozialwissenschaftler für Medienanalyse an der FU Berlin. „Damit sie sich als Werbeträger eignen, müssen sie deshalb in Massen verbreitet werden. Und der Streuverlust ist enorm, wer nicht weiß, wo seine Zielgruppe lebt, klebt praktisch völlig umsonst.“

Apropos Streuverlust: Am Hermannplatz überklebt Wolfgang schließlich die „Rixdorfer Perlen“ und ein Festival für indische Tanzmusik. Von Beethovens Neunter, einem Fremdkörper in Neukölln, lässt er die Finger. Meister unter sich.

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