Kultur : Wir sehen uns in Hörsaal 40

Steffen Richter

Leipzig, befand Uwe Johnson seinerzeit, sei die „wahre Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik“. Zumindest in literarischer Hinsicht ist da einiges dran. Als Johnson in den fünfziger Jahren an der Pleiße studierte, lehrten dort Koryphäen wie der Philosoph Ernst Bloch, der Romanist Werner Krauss oder der Literaturwissenschaftler Hans Mayer – ein veritabler akademischer Olymp. Mayer war es auch, der auf Johnson aufmerksam wurde, ihm die Arbeit an den „Mutmaßungen“ finanzierte und den Kontakt zum Suhrkamp Verlag herstellte.

Für die DDR war Mayer ein Aushängeschild – als jüdischer Emigrant, maßgeblicher Literaturkritiker im Umfeld der Gruppe 47 und international renommierter Gelehrter. Dass einer, der Günter Grass zu einer Lesung nach Leipzig holte und in tief stalinistischen Zeiten die Kafka-Lektüre für unerlässlich hielt, von der Staatssicherheit bespitzelt wurde, ist nicht erstaunlich. 1963 warf Mayer das Handtuch, vergrault von ideologischen Betonköpfen und gekränkt. Im Westen geriet er allerdings – wie gerade bekannt wurde – ins Visier des bundesdeutschen Verfassungsschutzes. Dringend riet man davon ab, diesem unsicheren Kantonisten eine Professur zu überlassen. Tatsächlich bekam Mayer erst zwei Jahre später einen Lehrstuhl an der nicht eben als geisteswissenschaftliche Hochburg bekannten TU Hannover. Seine wichtigen Bücher über „Außenseiter“ und „Das unglückliche Bewusstsein“ in der deutschen Literatur hat er dennoch geschrieben. Und da Mayer bis zu seinem Tod 2001 Mitglied der Akademie der Künste war, gibt es zu seinem 100. Geburtstag am 19.3. (20 Uhr) am Pariser Platz eine große Hommage, an der u.a. Volker Braun und Christa Wolf teilnehmen.

Während Christa Wolf, Fritz Rudolf Fries und Johnson im Hörsaal 40 Mayers Literatur-Vorlesungen lauschten, promovierte Hans Joachim Schädlich gerade. In seinem neuen Buch erzählt der Meister des Lakonischen von Robert Louis Stevenson, dem Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann und dem Komponisten Antonio Rosetti. „Vorbei“ (Rowohlt) heißt das schmale und gehaltvolle Bändchen, das vom Tod und von der Kunst berichtet. Wenn Schädlich am 16.3. (20 Uhr) ins Literaturhaus (Fasanenstr.23, Charlottenburg) kommt, kann man sehen, wie er das macht: die Welt mit glasklaren Sätzen zu verrätseln.

Eine der stärksten Bastionen der literarischen Infrastruktur Leipzigs ist das Deutsche Literaturinstitut. Dort unterrichtet seit 1995 Hans-Ulrich Treichel („Der Verlorene“). Mit seinem Gedichtband „Südraum Leipzig“ (Suhrkamp) ist er am 19.3. (20 Uhr) im Brecht-Haus zu Gast (Chausseestr.125, Mitte).

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