"Woche der Kritik" auf der Berlinale : Was täte Schlingensief?

Eine Konferenz gegen braves Kino bei der unabhängigen Programmreihe "Woche der Kritik", die die Berlinale zum fünften Mal flankiert.

Christian Blumberg
Christoph Schlingensief 1998 in Berlin.
Christoph Schlingensief 1998 in Berlin.Foto: DPA/Andreas Altwein

Der vielleicht ätzendste Kommentar zur Wiedervereinigung stammt von Christoph Schlingensief. Sein Film „Das Deutsche Kettensägenmassaker“ zeigte 1990 eine westdeutsche Metzgerfamilie, die unmittelbar nach dem Mauerfall DDR-Bürgern auflauert, diese erst umbringt und anschließend – ausgerechnet! – zu Wurst verarbeitet. Ein Splatterfilm als politische Allegorie auf die Vereinnahmung des Ostens durch die BRD: laut, drastisch und in jeder Hinsicht maßlos. Und ganz sicher nicht brav.

Braves Kino haben die Veranstalter der „Woche Der Kritik“ – eine unabhängige, die Berlinale nun zum fünften Mal flankierende Programmreihe – offenbar genug gesehen. Sie zeigten „Das Deutsche Kettensägenmassaker“ zum Auftakt einer Konferenz an Schlingensiefs alter Wirkungsstätte, der Volksbühne. Ihr Titel: „Intensivstation Kino“. Das war nicht nur eine begriffliche Schlingensief-Anleihe, sondern sollte zugleich einen kritischen Zustand des politischen Kinos suggerieren: Kraftlos und ängstlich sei der Patient, nur noch auf breite Zustimmung bedacht. Am Mittwochabend wollte man daher die Lust am Unseriösen, an ästhetischen wie inhaltlichen Grenzüberschreitungen neu entfachen. Helfen sollten dabei Podiumsdiskussionen, Vorträge, Einzelgespräche und vor allem „Eine Dosis Schlingensief“, zu deren fachgerechter Verabreichung man Kulturschaffende aller Couleur geladen hatte.

Darunter waren viele ehemalige Weggefährten Schlingensiefs, weshalb die Konferenz zunächst Züge einer Gedenkveranstaltung trug. Besonders hervor tat sich Udo Kier, der sämtliche Fragen der Moderation abtat und eine Art Performance in Form eines halbstündigen Monologs zum Besten gab. Der bestand zum Teil aus posthumer Bauchpinselei seines „besten Freundes“ Schlingensief („Was für ein Mann!“). Endgültig unangenehm wurde es, als Kier dazu überging, die Imposanz seiner eigenen Schauspielkarriere zu beschwören. Er verfiel immer wieder in großtuerisches Namedropping: Kier und Fassbinder, Kier und Lars von Trier, Kier und Tarantino. Um Kino oder politische Kunst ging es da schon lange nicht mehr.

Die Podiumsdiskussion verheddert sich

Erst ein paar Programmpunkte später – Kier hatte bereits den Weg ins Hotel angetreten – gelang Anton Gernot vom Aktionskunst-Kollektiv PENG ein befreiender Zwischenruf. Er konstatierte, dass auch die Schlingensief’sche Provokation letztlich damit zu kämpfen hatte, zu einem eingeübten Muster zu werden. Dann stellte Gernot die berechtigte Frage, warum sich an diesem Abend alle so sehr für die Wut dieses Schlingensief interessierten, aber so gar nicht für die eigene. Sein trotziger Vortrag rief in Erinnerung, worum es an diesem Abend eigentlich gehen sollte – um die Möglichkeiten, den aktuellen politischen Umständen künstlerisch zu begegnen, ohne im Feld des Konsensuellen stecken zu bleiben.

Die abschließende Podiumsdiskussion nahm diesen Einwurf dankbar auf, verhedderte sich dann aber völlig. Die Filmemacherin Susanne Heinrichs pochte auf den in Zusammenhang mit Schlingensief positiv besetzen Begriff der Dysfunktionalität - und stieß damit alle vor den Kopf. Ihr Vorwurf: Ein Konsens gegen den Konsens sei letztlich eben auch nur: ein Konsens. Den Kunsthistoriker Philip Ursprung interessierte das nur bedingt. Er wollte lieber den historischen Wert von Schlingensiefs Filmschaffen vermessen.

Das wiederum langweilte Andrew Kötting, ebenfalls Regisseur. Als Brite hätte er eine Außenperspektive einbringen können, zog es jedoch vor, über Sprachbarrieren zu scherzen und das spürbar ermüdende Publikum bei Laune zu halten. Die Diskussion fand trotz kompetenter Moderation einfach keinen gemeinsamen Ton, geschweige denn ein gemeinsames Thema – was Susanne Heinrichs schließlich zum Anlass nahm, wahllos aus Texten von Georg Seeßlen und Hito Steyerl vorzulesen, in denen es irgendwie um Kunst unter den Vorzeichen des Neoliberalismus ging. Spätestens da versank die Runde im produktiven Chaos. Christoph Schlingensief hätte genau das wahrscheinlich gefallen.

Die eigene Zielsetzung mag diese Konferenz deutlich verfehlt haben. Stattdessen geriet sie zur Begehung jener Lücke, die Schlingensiefs Ableben in der deutschen Kulturlandschaft hinterlassen hat. Dass diese Lücke noch immer klafft, wurde offenkundig. Und auch, dass Erinnerung allein sie nicht wird schließen können.

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