Wu Tsang im Gropius Bau : Gewalt des Erzählens

Bekannt wurde die Künstlerin Wu Tsang mit ihrem Film „Wildness“ über Transpersonen und Arbeitsmigranten. Eine Ausstellung im Gropius Bau zeigt ihr Werk.

Claudia Wahjudi
Musik und Energie. Wu Tsangs Film „Girl Talk“.
Musik und Energie. Wu Tsangs Film „Girl Talk“.Foto: Galerie Isabella Bortolozzi/Wu Tsang

Der Himmel ist weit geworden bei Wu Tsang. Auf Lesbos, der griechischen Insel kurz vor der Türkei, hat die Filmemacherin und Künstlerin aus den USA einen Film gedreht, der jetzt im Berliner Gropius-Bau läuft, wo Wu Tsang 2018 als Stipendiatin arbeitete. Unruhig schwappt das Meer bis zur Bergkette am Horizont; durch den Vordergrund drängen weiße, braune, graue, schwarze Schafe. Doch eine Idylle zeigt der Film „One emerging from point of view“ (2019) nicht.

Gemeinsam mit der griechischen Dokumentarfotografin Eirini Vourloumis hat Wu Tsang aus dokumentarischen und fiktiven Szenen traumartige Bilder von Lesbos und Fantasiegärten geschaffen. Zu den überlappenden Doppelprojektionen erzählen weibliche Stimmen die Geschichte von einer verstoßenen Transfrau aus Marokko und von Voulourmis' realen Reportagereisen zu Fluchtcamps.

Zudem erinnern sich ein Bauer und ein Schäfer daran, wie sie 2015 jeden Tag aus Syrien Geflohene am Strand fanden, schwer erschöpft oder aber tot. Die unprätentiösen Worte der Männer entfalten Wucht: „Den Menschen ist keine Schuld zu geben, der Krieg ist schuld“, sagt der eine. Und der andere: „Was wir hatten, haben wir gegeben. Wir haben halt geholfen.“

Empathie und Solidarität zählen zu Wu Tsangs großen Themen, die sie so schön wie möglich verpacke, wie sie sagt. Denn es sei eine Form von Gewalt, einem anderen Menschen überhaupt eine Story erzählen zu wollen.

In ihrer Ausstellung im Gropius Bau sind auch Beiträge befreundeter Kollegen und Kolleginnen zu sehen. Es könne keinen nichtgewalttätigen Blick auf andere geben, heißt es in einem Text, den Wu gemeinsam mit dem New Yorker Dichter Fred Moten geschrieben hat.

Der Satz gibt der Ausstellung ihren Titel „There is no nonviolent way to look at somebody“. Er findet sich in eine große Skulptur aus blau gefärbtem Überfangglas geätzt, ergänzt um handschriftliche Anmerkungen von der Performancekünstlerin Boychild. Eine Hommage an Kooperation und Fluidität: Mit dem Tageslicht verändern Glas und Schrift ihr Aussehen.

[Gropius Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, bis 12.1., Mi – Mo 10 –19 Uhr]

Ein Dunkler Raum voller Energie

Bekannt wurde Wu Tsang mit ihrem Film „Wildness“ (2012) über eine Bar am Rand von Los Angeles, Treffpunkt von Transpersonen und Arbeitsmigranten aus Mexiko – ein dunkler Raum voller Musik und Energie. Auch die Filme mit Boychild und ihr Beitrag zur Berlin Biennale 2016 zeigten Tänzerinnen und Performerinnen in geschlossenen Räumen. In den neueren Filmen tritt Boychild auf grüner Wiese auf, der Dichter Moten im flirrenden Sonnenlicht.

Text, Musik, Tanz und Kunst in Gemeinschaftswerken zu verbinden: Auch das zählt zu Wu Tsangs selbst gewählten Aufgaben. So öffnet sie nicht nur das Filmset, sondern auch ihren Handlungsspielraum. Nach einer Gastprofessur an der Frankfurter Städelschule ist die Künstlerin in diesem Sommer nach Zürich gezogen, um am dortigen Schauspielhaus zu arbeiten. Dort hat sie als erstes „Sudden Rise“ auf die Bühne gebracht, eine Collage aus Musik und Texten, die für Bürgerrechtsbewegungen wichtig waren.

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