Yung Hurn live in Berlin : Morgen ist wieder Schule

Yung Hurn ist einer der gefeiertsten Jungkünstler des deutschsprachigen Trap. Bei einem Konzert in der Columbiahalle bringt er die Menge zum Toben.

Sermin Usta
Androgyne Arroganz. Yung Hurn beim Konzert.
Androgyne Arroganz. Yung Hurn beim Konzert.Foto: Rudi Keuntje/Imago

"Ohne Autotune wäre ich nicht da, wo ich heute bin", outet sich Yung Hurn bei der ersten seiner zwei Berliner Live-Shows. Die demonstriert das Lieben-oder-Hassen-Dilemma eines der gefeiertsten Jungkünstler der deutschsprachigen Trap-Avantgarde. Der heißt eigentlich Julian Sellmeister, stammt aus Wien und performt eine Mischung aus teilweise geleiertem, oft aber auch fantasievollem Dada-Rap. „Hurn“ ist im so gesitteten Wien unter Jugendlichen die netteste Form der Beleidigung.

Hier in Berlin lässt sich Hurn zunächst in Daunenjacke und Jogginghose, (später mit freiem Oberkörper) von einem wenig spektakulären DJ am Laptop begleiten. Mit dabei ist auch eine Gruppe von Jungs mit Mikros, Handys und Drinks in der Hand, die Instagram füttern oder leicht benebelt über die Bühne wackeln. Von der Decke hängt eine Lichterkette mit der Postleitzahl des 22. Bezirks von Wien, 1220, und der Name von Hurns aktuellem Album. Sein monotoner Flow und die dazu passenden einsilbigen Hooks erklären, worauf es in seiner Generation (wieder) ankommt: Liebe, Drogen, Sex und Schmerz. In der Banalität liegt eben auch im Cloud-Rap die Provokation. Mit Tod und Politik reißt man heute niemanden mehr vom Hocker, schon gar keine Teenager. Yung Hurn macht Musik für Mittelschichtkids, die den Straßenalltag der meisten deutschsprachigen Rapper gar nicht kennen. Gewünscht sind eingängige Mantras, die die Absurdität und manchmal Traurigkeit eines Momentes beschreiben: „In mei'm Kopf nur zwei, zwei / Ich mach' Schluss und sie weint, weint / In mei'm Herz drin Eis, Eis / Nasenlöcher beide weiß, weiß.“

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Die Menge tobt, alle Handys sind oben, gefühlt verbirgt sich hinter jedem dritten Lächeln eine Zahnspange. Yung Hurns leicht abgehobene Künstlerpersona kommt gut an, er ist ein Gesamtkunstwerk, seine Inszenierung von Androgynie, Arroganz und vor allem Präsenz ist perfekt. Aber nicht länger als bis 22 Uhr. „Scheiße, morgen ist wieder Schule, oder?“, fragt Hurn seine Fans. Als Reaktion geht ein genervtes Stöhnen durch die Menge.

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