Kultur : Zähne zeigen

Caroline Fetscher über Claus Peymann und die RAF

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Wer Christian Klar nicht begnadigen will, bekommt es mit Claus Peymann zu tun, dem Direktor des Berliner Ensemble. „Da kommt ein neuer Fundamentalismus hoch“, tönt er theaterdonnernd im Interview mit „Spiegel Online“, da gebe es „mittelalterliche Rachegedanken, Bedürfnis nach Vergeltung.“ Rache und Vergeltung, noch dazu in mörderischer Variante, gibt Peymann andererseits vor zu verstehen, wo es um die Mörder aus den Reihen der RAF geht. Im Wortlaut: „Diese Terroristen haben getötet, weil sie glaubten, mit ihren Morden etwas gegen die Ermordung von Hunderttausenden von Kindern und Frauen in Vietnam tun zu können, weil sie glaubten, etwas gegen das Elend in der Dritten Welt tun zu müssen.“ Schon Brecht habe daher seine Johanna der Schlachthöfe sagen lassen, es helfe „nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“. Ob das die Kinder der getöteten Chauffeure trösten wird, ist fraglich. Für Peymann ist Christian Klar, der das Kapital untergehen sehen will, „eine tragische Figur“, die in der Sache immer noch recht hat. Dass der Sowjet-Kommunismus gescheitert sei, habe den Kapitalismus noch längst nicht legitimiert.

Auch den westeuropäischen Demokratien gibt Peymann, der offenbar nicht einmal die skandinavischen Sozialstaaten als gelungen ansieht, „keine Zukunft“. Gewiss, räumt er ein, die Terroristen der RAF hätten Fehler begangen. Doch sie hätten nicht wie irgendein dahergelaufener Bankräuber gemordet oder aus Lust an der Tat, sondern für eine bessere Welt. Vielleicht wie Slobodan Milosevic, auf dessen Massenmördergrab Peymanns Freund Handke eine Rose deponierte?

Eine Antwort auf die Frage, wie denn die bessere Welt aussehen sollte, bleibt der Theatermann schuldig. Nun wissen alle, dass Regisseure kleine Diktatoren sind, glücklicherweise nur auf Proben und Bühnen. Da können sie als harmlose Kim Jong Ils die Figuren ihres Imaginären hinstellen, wo sie mögen, und werden von Subventionen aus Steuern des falschen Systems mit richtigem Geld bezahlt. Die Ware, die Peymann dem Kultursystem des Kapitals seit eh und je großspurig verkauft, heißt Provokation – gewürzt mit einem Schuss Kapitalismuskritik, der in die abgestandene Suppe gehört.

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