Zemlinskys "Seejungfrau" auf CD : Ganz große Gefühle

Marc Albrecht und dem Nederlands Philharmonic Orchestra gelingt eine berauschende Interpretation von Zemlinskys Tondichtung „Die Seejungfrau“.

Dirigent Marc Albrecht hat keine Angst vor Pathos.
Dirigent Marc Albrecht hat keine Angst vor Pathos.Foto: Marco Borggreve

Wer weiß, wie lange solche Werke wohl noch aus unseren Konzertsälen verbannt bleiben? Diese maximal groß besetzten Partituren der Spätromantik, bei denen sich bis zu 100 Musikerinnen und Musiker auf dem Podium drängeln – um eine Klangpracht zu entfalten, die den Hörer betört, berauscht, überwältigt.

Alexander von Zemlinskys Tondichtung „Die Seejungfrau“, uraufgeführt 1905 in Wien, gehört in diesr Kategorie irisierend schillernder Jugendstil- Musik. In mehr als 45 Minuten wird hier Hans Christian Andersens Märchen musikalisch erzählt, auf die denkbar ausschweifendste, rauschhafteste Weise.

Immerhin als Tonkonserve ist Zemlinskys Meisterwerk jetzt zu erleben, dank Marc Albrecht und dem Netherlands Philharmonic Orchestra, in einer Einspielung aus dem Amsterdamer Concertgebouw, die beim Label Pentatone erschienen ist. Zu Lebzeit wurde der Komponist (und Schwager Arnold Schönbergs) vor allem als Dirigent geschätzt. Man hört seiner „Seejungfrau“ an, wie gut er sich mit der neuen und neuesten Musik um 1900 auskannte.

Dieser Sound inspiriert Filmmusik-Komponisten

Als Praktiker hat er sich die besten Effekte und raffiniertesten Instrumentationsdetails bei seinen Zeitgenossen abgeschaut, von Richard Strauss bis Claude Debussy. In dieser „wahrhaft seismografischen Empfindsamkeit gegenüber den Stimuli, von denen er sich vereinnahmen ließ“, lautet ein vergiftetes Lob Adornos über Zemlinsky, habe dieser Eklektiker durchaus „Genie“ gezeigt.

Wer die „Seejungfrau“ dirigiert, sollte rhetorisch versiert sein, Lust an der akustischen Verführung des Publikums haben und die orchestralen Massen wie ein Admiral durchs wogende Meer des Wohlklangs führen können. Der 56-jährige Marc Albrecht bringt alle drei Qualifikationen mit – und zudem viel Erfahrung mit spätromantischer Ästhetik.

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Er hat den langen Atem des epischen Erzählers, schlägt weite Spannungsbögen, verbindet das Seufzen der Sologeige (die die liebeskranke Nixe repräsentiert), das Schwelgen der Streicher und die gleißenden Blechbläsereruptionen in den emotionalen Spitzen zu einem Cinemascope-Sound, der stets eine handbreit Abstand zur Kitsch-Kante hält. Von solchen Partituren zehren die Soundtrack-Tüftler bis heute.

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