• Zum Tod des Schriftstellers Ludwig Harig: Niemand erklärt die Welt besser als der Spieler

Zum Tod des Schriftstellers Ludwig Harig : Niemand erklärt die Welt besser als der Spieler

Mit Sprachwitz im Einsatz für saarländische Lebensfreude: zum Tod des preisgekrönten Schriftstellers Ludwig Harig, Autor von „Ordnung ist das ganze Leben“.

Ludwig Harig.
Ludwig Harig.Foto: Arne Deckert/dpa

Der Saarländer, sagte er, „ist hiesig, und er ist rund.“ Wenn Ludwig Harig seine Herkunft pries, lag darin aber kein besinnungsloser Lokalpatriotismus, der sich mit dem Blick in die Kochtöpfe der Region begnügte, obwohl er wusste: „Esse unn dringge halt Leib unn Seel sesamme.“ Die saarländische Freude, die er predigte, war für ihn eine durchaus exportfähige Lebenseinstellung, nämlich „die lustvolle Einsicht der Beharrlichen und der Heimgekehrten in eine paradoxe Welt“. Er, der Epikureer, der am 18. Juli 1927 als Sohn des Anstreichers Ludwig Harig senior und dessen Gattin Helene in der Kleinstadt Sulzbach zur Welt kam, wo er am vergangenen Samstag auch starb, war längst an Albert Camus gereift.

Überhaupt gehörte es zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften, dass er gegensätzliche Energien unter einen Hut zu bringen wusste. Auf jedes Moment von Verwurzelung im Irdischen kam ein Moment von Schwerelosigkeit im Artistischen. Ludwig Harig war ein Sprachspieler von Graden, der die Lektion, dass Literatur die Wirklichkeit nicht einfach abbilden könne, bis in die tiefsten selbstreflexiven Windungen seines Erzählens nachvollzogen hatte. „Nach Erklärungen suchen die Rationalisten“, schrieb er, „nach Rechtfertigungen die Moralisten. Am Ende wird der Spieler, der sich selbst einen Nichtsnutz nennt, die Welt und ihre paradoxen Zusammenhänge am genauesten erklärt und den Menschen und seine absurde Beschaffenheit am glaubhaftesten gerechtfertigt haben.“

Nach einem Besuch der saarländischen Lehrerbildungsstätten in Blieskastel und einem Jahr als Assistant d’allemand am Lyoner Collège Moderne, unterrichtete er bis 1970 an zwei Dorfvolksschulen. Doch mit der Zeit wuchs der Widerwille, seinen pädagogischen Eros auf die Abrichtung von Schülern im Namen der Arbeitswelt auszurichten, und der Wunsch, sich ganz dem Schreiben zu widmen, nahm überhand. 1974 war der „freiberufliche Luftkutscher“, wie er sich gerne nannte, endgültig geboren, und insbesondere sein Hörspiel-Werk ermöglichte ihm ein Auskommen.

Geschichtliche Wirklichkeit und analytische Distanzmittel

Von Mitte der 50er Jahre an hatte er in Literaturzeitschriften veröffentlicht. Unter dem Einfluss des Stuttgarter Semiotikers Max Bense, zu dessen Kreis unter anderem Helmut Heißenbüttel, Eugen Gomringer und Franz Mon gehörten, arbeitete er sich an der Objekthaftigkeit von Wörtern und Sätzen ab und wurde ein virtuoser Monteur und Collageur. Ebenso wichtig wurde sein übersetzerisches Engagement für Raymond Queneau, einen Mitbegründer der Oulipo-Bewegung, jener „Werkstatt für potentielle Literatur“, für deren anderen Protagonisten Georges Perec Harigs Freund Eugen Helmlé trommelte.

Mit „Sprechstunden für die deutsch-französische Verständigung und die Mitglieder des Gemeinsamen Marktes“ (1971) und ihrem fragmentierten, am Modell von Sprachfibeln orientierten Erzählen und einer eigenwilligen Hommage an „Rousseau“ (1978) hatte er sich einen Namen erschrieben. Bei einem breiteren Publikum stieß Harig erst mit seinem Roman „Ordnung ist das ganze Leben“ (1986) auf Resonanz. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder war Harig nach Verdun gereist, um die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs zu inspizieren, von denen sein Vater verstört zurückgekehrt war. So nah war er der geschichtlichen Wirklichkeit, der er dennoch mit seinen analytischen Distanzmitteln zu Leibe rückte, nie zuvor gewesen.

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Der Ansatz erwies sich als fruchtbar. In „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ spürte er seiner Begeisterung für den Nationalsozialismus nach, die er als 14-Jähriger in der Lehrerbildungsanstalt in Idstein im Taunus empfand: Im kommenden Schuljahr wird das Buch für die Klassenstufe 11 im Saarland Pflichtlektüre. „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“ beschäftigt sich mit dem Übergang zur Bundesrepublik, und „Kalahari“ (2007) beleuchtet die deutsch-französische Freundschaft zwischen ihm und dem Burgunder Roland Cazet. Öffentlich war der „Weltpoet aus Sulzbach“, wie ihn eine zweiteilige Filmdokumentation von Karl Prümm und Herbert Stangl nennt, seit seinem 85. Geburtstag verstummt. Doch die eigenwillige Melodie seiner Bücher wird sich auf anderen Wegen noch lange fortspinnen.

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