Zum Tod des Soziologen Albert Memmi : Anders denken

Er betrachtete sich als „jüdischen Araber“: jetzt ist der Soziologe Albert Memmi im Alter von 99 Jahren gestorben.

Andreas Mink
Der Soziologe Albert Memmi bei einem Kommittee für Europa, 1992.
Der Soziologe Albert Memmi bei einem Kommittee für Europa, 1992.Foto: Gerard Fouet / AFP

Diesen Nachruf entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung dem Schweizer jüdischen Wochenmagazin „Tachles“.

Am 22. Mai verstarb im Alter von 99 Jahren in der Nähe von Paris der bedeutende Schriftsteller und Soziologe Albert Memmi. Er wurde 1920 im jüdischen Viertel „La Hara“ von Tunis als eines von 13 Kindern des Sattlers Fraj Memmi und seiner Frau Maira Sarfati geboren. 

Der Vater hatte italienisch-tunesisch-jüdische Wurzeln, die Mutter stammte von Juden und Berbern ab. Zu dieser Herkunft kam ein Leben voller Gefahren und Herausforderungen zwischen dem Aufstand gegen die französische Kolonialherrschaft in Tunesien und zionistischen Überzeugungen.

Memmi hat sich als „jüdischer Araber“ bezeichnet und aus diesen Spannungen heraus als Romancier ein reichhaltiges Werk geschaffen, das auch ein großes, internationales Publikum fand. 

In seinem autobiografischen Roman „Die Salzsäule“ von 1953 beschrieb er sich als „Tunesier, aber von der Kultur her französisch. 

Ich bin Tunesier, aber jüdisch, was mich politisch und gesellschaftlich zu einem Außenseiter macht. Ich spreche die Landessprache mit einem eigentümlichen Akzent und habe emotional nichts mit Muslimen gemein. Ich bin Jude, der mit der jüdischen Religion und dem Ghetto gebrochen, keine Ahnung von jüdischer Kultur hat und die Mittelklasse verachtet.“

Eingeborener in einer Kolonie

Zudem sei er arm, wolle diesen Zustand beenden, sei aber nicht zu den dafür notwendigen Schritten bereit: „… und ich bin Eingeborener in einer Kolonie, ein Jude in einem antisemitischen Universum und Afrikaner in einer von Europa dominierten Welt.“

Memmi absolvierte 1939 das renommierte Lycée Carnot de Tunis. Aufgrund der antisemitischen Gesetze des in Französisch-Nordafrika regierenden Vichy-Regimes wurde er während des Krieges von der Universität Algier ausgeschlossen und in ein tunesisches Arbeitslager deportiert. 

Von dort gelang ihm die Flucht. Nach Kriegsende konnte Memmi sein Philosophie-Studium an der Sorbonne fortsetzen und heiratete die Katholikin Marie-Germaine Dubach. 

Das Paar hatte drei Kinder und kehrte 1951 nach Tunesien zurück. Memmi arbeitete zunächst als Lehrer und engagierte sich im Befreiungskampf gegen das französische Kolonialregime. 

Memmis Definition des Rassismus ist hochaktuell

Nach der Unabhängigkeit 1956 ging die Familie wieder nach Paris, wo Memmi später als Soziologie-Professor an der Sorbonne tätig war.

Hochaktuell ist seine viel zitierte Definition des Rassismus: „Rassismus erfüllt eine bestimmte Funktion. (…) Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver biologischer Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der eine Aggression gerechtfertigt werden soll“. 

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