1979 protestierte Loest gegen die Ausbürgerung Biermanns, 1981 ging er in den Westen

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Zum Tod von Erich Loest : Aufrechter Gang und Fenstersturz
Hannes Schwenger
Ehrliche Haut. Erich Loest (1926-2013) auf einem Bild von 2001.
Ehrliche Haut. Erich Loest (1926-2013) auf einem Bild von 2001.Foto: dpa

Bei seiner Entlassung ging noch immer ein Riss durch Deutschland, befestigt durch die Berliner Mauer. So „bewährte“ sich Loest als resozialisierter Schriftsteller mit unpolitischen Abenteuer- und Kriminalromanen unter verschiedenen Pseudonymen, bis er mit dem Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1978) unter seinem legendären Klarnamen das vielleicht realistischste Buch über das realsozialistische Alltagsleben schrieb. Die erste Auflage wurde unter der Ladentheke des DDR-Buchhandels so schnell ausverkauft, dass die Partei- und Literaturverantwortlichen der DDR eine zweite Auflage zunächst blockierten. Sie wurde schließlich zähneknirschend erlaubt und in einem kleineren Verlag doch noch gedruckt.

Aber nach seinem Austritt aus dem DDR-Schriftstellerverband 1979, der auch die Unterzeichner des Protests gegen die Ausbürgerung Biermanns ausschloss, ging Erich Loest in den Westen und blieb auch nach Ablauf seines Dreijahresvisums. Über die zwiespältige Aufnahme auch bei den Kollegen im Schriftstellerverband der Bundesrepublik berichtete er 1997 in seinen Gedanken eines literarischen Grenzgängers: „Als wir in den Westen kamen“. Obwohl er sich aus politischen Querelen heraushalten wollte, geriet er doch bald in die Auseinandersetzungen im Schriftstellerverband über dessen Kontakte mit dem Verband der DDR. Hinzu kam das Zusammenspiel der Vorsitzenden Bernt Engelmann und Hermann Kant, die beide nach 1990 als IM der Staatssicherheit enttarnt wurden.

Erich Loest 2012 auf der Leipziger Buchmesse.
Erich Loest 2012 auf der Leipziger Buchmesse.Foto: dpa

Gemeinsam mit Günter Grass und weiteren 50 Autoren forderte und bewirkte Erich Loest den Rücktritt Engelmanns wegen dessen unsolidarischer Haltung zum Verbot des polnischen Schriftstellerverbands und der Gewerkschaft „Solidarnosc“. Selbst als Grass und seine Freunde aus dem VS austraten, harrte der zähe Sachse aus und erlebte die Genugtuung, 1994 selbst für drei Jahre zum VS-Vorsitzenden im vereinten Deutschland gewählt zu werden. Sein schönster Erfolg im Amt war die Initiative zur deutsch-polnischen Aussöhnung, ein Stück Wiedergutmachung für die Versäumnisse seiner Vorgänger. Noch einmal nach einer politischen Wende gehörte er, wenn auch angegraut, zu den „Jungs, die übrig blieben“.

Großes Bundesverdienstkreuz, Kommandeurskreuz des Verdienstordens der Republik Polen, Ehrendoktor der TU Chemnitz, Deutscher Nationalpreis, Akademiemitglied in Sachsen und zweimal Ehrenbürgerschaft in Leipzig sowie seiner Heimatstadt Mittweida – die Ehrungen, die ihm jetzt zuflogen, mag er mit einem skeptischen Lächeln quittiert haben – um weiterzuschreiben. „Lieber hundertmal irren“ heißt seine soeben erschienene 120Seiten-Nachkriegserzählung über die Anfänge der deutsch-deutschen Geschichte.

Sein alter, mit der Hin- und Rückwendung zur Nachfolgepartei der SED entfremdeter Freund Gerhard Zwerenz hat es einmal so beschrieben: Es „war gut. Es war ein echt sächsisches Lächeln, die Maske des kleinen Mannes, der seine Klugheit verbergen muss“. Dazu gibt es jetzt keinen Grund mehr. Über den Tod hinaus zeugen seine Bücher für Erich Loest, für seine Klugheit und seinen – um seinen Leipziger Zeitgenossen Ernst Bloch zu zitieren – aufrechten Gang. Um ihn selbst zu variieren: Er ging seinen Gang auch durch die Mühen der Ebene.

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