Zum Tod von Hermann Glaser : Anwalt der Gegentendenzwende

Der Sozialdemokrat Hermann Glaser hat die Kulturpolitik der Bundesrepublik geprägt. Nun ist er mit 89 Jahren gestorben.

Hermann Glaser war ein Verfechter des Aufklärungsbegriffs im Sinne von Karl Popper und Herbert Marcuse.
Hermann Glaser war ein Verfechter des Aufklärungsbegriffs im Sinne von Karl Popper und Herbert Marcuse.Foto: Daniel Kamann/p-a/dpa

Er stammte, wie kaum zu überhören war, aus Mittelfranken. Aber wo andere in der Erweichung der harten Konsonanten oft schwerfällig klingen, besaß er eine geistige und rhetorische Wendigkeit, die seinem Denken eine geradezu weltläufige Ausstrahlung verliehen. Hermann Glaser, am 28. August 1928 in Nürnberg geboren und seit sechs Jahrzehnten in Roßtal im Landkreis Fürth zu Hause, war neben dem kürzlich verstorbenen Hilmar Hoffmann einer der prägenden Kulturpolitiker der alten Bundesrepublik – und ein bestechend gebildeter Sozialdemokrat.

Nach zehn Jahren als Gymnasiallehrer wechselte der promovierte Germanist und Historiker 1964 ins Schul- und Kulturreferat der Stadt Nürnberg. Das bestellte er bis ins Jahr 1990, bevor er darum bat, sich stärker seinen publizistischen Projekten und seiner Honorarprofessur an der Berliner TU widmen zu können. Schon früh machte er Furore mit dem jährlich stattfindenden gesellschaftspolitischen Forum der „Nürnberger Gespräche“ sowie mit Plänen für eine kooperative Gesamtschule, die sich in CSU-Bayern nur nicht so einfach umsetzen ließen.

Glaser forderte ein "Bürgerrecht Kultur"

Im Namen eines Aufklärungsbegriffs, der sich gleichermaßen auf Karl Popper wie auf Herbert Marcuse bezog, forderte er ein „Bürgerrecht Kultur“ und tat alles, um den Deutschen das darin liegende demokratische Versprechen schmackhaft zu machen. 1973 gehörte er zu den Mitbegründern des legendären Nürnberger Jugendzentrums KOMM, dessen Selbstverwaltungsmodell viele ähnliche Projekte anstieß.

Als die Polizei es 1981 nach einer Hausbesetzerdemonstration räumte, in deren Gefolge einige Schaufenster eingeschlagen und Autoantennen umgeknickt wurden, stellte er sich auf die Seite der 140 verhafteten Jugendlichen und kritisierte wie viele andere die Aktion als unverhältnismäßig. Ein von ihm herausgegebener rororo-Band zur „Nürnberger Massenverhaftung“ legt davon Zeugnis ab.

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Unter seinen zahlreichen Büchern ragt neben Titeln zur nationalsozialistischen Vergangenheit, zur fränkischen Literaturgeschichte und der Industriekultur vor allem eine dreibändige Kulturgeschichte der Bundesrepublik heraus. Nun ist der Anwalt einer „Gegentendenzwende“ kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben.

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