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Zum Tod von Iring Fetscher : Der Weiterdenker

Marx, Märchen und das Bohren dicker Theoriebretter: Der engagierte Politikwissenschaftler Iring Fetscher ist tot. Ein Nachruf von seinem Schüler und Mitarbeiter Herfried Münkler.

Herfried Münkler
Iring Fetscher 2002 in seinem Arbeitszimmer. Er starb am Sonnabend im Alter von 92 in Frankfurt/Main.
Iring Fetscher 2002 in seinem Arbeitszimmer. Er starb am Sonnabend im Alter von 92 in Frankfurt/Main.Foto: p-a/dpa

Iring Fetscher ist mir stets als ein heiter-gelassener Mensch begegnet. Sicher, er konnte sich auch empören, aber wenn sich diese Empörung auf politische Entscheidungen oder gesellschaftliche Entwicklungen bezog, dann war er bestrebt, sie möglichst zügig in publizistische Interventionen zu verwandeln. Und wenn es dabei um einzelne Personen ging, dann verflog die Empörung auch schnell. Die heitere Gelassenheit Fetschers, die ihm bis ins hohe Alter erhalten blieb, war Ausdruck einer Liberalität, die nicht nur aus dem Kopf kam und verstandesmäßig begründet war, sondern die sich zutiefst in Charakter und Lebensbild eingeschrieben hatte.

Iring Fetscher hat sich das erarbeiten müssen, wie viele seiner Generation – er war Jahrgang 1922. Selbstverständlich war für die, die als junge Männer, Jugendliche eigentlich noch, in den Krieg zogen, gar nichts. Fetscher hatte sich nach dem Abitur als Berufssoldat zu einer Einheit der „leichten bespannten Feldartillerie“ gemeldet. Von der dort eingeübten „preußischen Selbstdisziplin“ ist ihm auch später etwas erhalten geblieben. Von der Geburt in Marbach her Schwabe, aufgewachsen und zur Schule gegangen in Dresden, also sächsisch sozialisiert, stationiert in Potsdam, dem anschließenden Studium in Tübingen und längeren Aufenthalten in Frankreich hat Fetscher recht unterschiedliche landsmannschaftliche Einflüsse miteinander verbunden.

Frankfurt am Main, wo er seit 1963 eine Professur für Politische Wissenschaft inne hatte, war in der damaligen Bundesrepublik der geeignetste Ort, diese Prägungen zu bewahren und sie zu einem Typus des akademischen Lehrers zu entwickeln, wie es ihn damals nur selten gab. Iring Fetscher habe keine Schule gegründet, aber viele Schüler hervorgebracht, hat Richard Saage, einer von ihnen, vor kurzem geschrieben. Das wäre ohne die für Fetscher charakteristische Verbindung von Liberalität, Neugier und fordernder Erwartung nicht möglich gewesen.

Iring Fetscher hat das akademische Klima und die Umgangsformen an der Goethe-Universität, der er bis zur Emeritierung 1987 treu geblieben ist, in hohem Maße mitgeprägt. In der Zeit der Studentenbewegung ebenso wie in der anschließenden Phase studentischer Aktivistengruppen. Dabei hat er sich darum bemüht, den akademischen Freiraum nach beiden Seiten offen zu halten: zur offenen und engagierten Auseinandersetzung über politische Fragen, aber auch zur Arbeit an den Thema, denen seine Lehrveranstaltungen gewidmet waren. Das war nicht immer einfach und setzte großes taktisches Geschick und Fingerspitzengefühl voraus. Beides hat Fetscher in dieser Zeit immer wieder gezeigt.

Iring Fetschers Wirken beschränkte sich nicht auf die Tätigkeiten eines Hochschullehrers. Er war auch Autor politiktheoretischer Bücher und Aufsätze und ein öffentlicher Intellektueller, der sich in die politischen Kontroversen der Republik einmischte und Position bezog. Die für die politisch-intellektuelle Kultur der Bundesrepublik wichtigsten und für lange Zeit prägenden Spuren hat Fetscher in seiner Auseinandersetzung mit Marx und dem Marxismus hinterlassen. Er hat, um es pointiert zu sagen, Marx aus den Fesseln des Marxismus befreit und ihn wieder als einen originellen, kritischen, vielfältig anschlussfähigen Denker sichtbar gemacht. Auf der einen Seite führte er die Kontroverse mit der marxistischen Orthodoxie des Sowjetkommunismus, auf der anderen Seite verschaffte er der deutschen Marxforschung wieder internationale Anerkennung, vor allem in der Auseinandersetzung mit französischen Autoren.

Iring Fetscher lehrte von bis 1963 bis 1987 an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/Main
Iring Fetscher lehrte von bis 1963 bis 1987 an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/MainFoto: p-a/dpa

Überhaupt hatte Fetscher ein feines Gespür für Autoren, die in einer bestimmten Deutungstradition gefangen waren. Gegen sie versuchte er, einen offeneren, weiteren Blick durchzusetzen. Das gilt nicht nur für Marx, sondern auch für Jean-Jacques Rousseau, den er als einen radikaldemokratischen Denker gelesen wissen wollte, anstatt ihn als Stichwortgeber für den Großen Terror in der Französischen Revolution oder Urvater des Totalitarismus zu rubrizieren. Auch Thomas Hobbes, in Deutschland lange als geistiger Parteigänger des autoritären Staates begriffen, ist von Fetscher als ein im Kern liberaler Theoretiker begriffen worden. Wobei er den Blick von den Befugnissen des Souveräns weggelenkt hat, hin zum Vertrag freier Menschen als Gründungsakt des Staates.

Immer wieder prägte dieser starke Rekurs auf die Geschichte der politischen Ideen nicht nur Iring Fetschers besondere Position im Fach Politikwissenschaft, sondern auch den Stil seiner Interventionen als öffentlicher Intellektueller. Positionen müssen argumentativ begründet werden. Der dabei von Fetscher beschrittene Weg war die kritische Auseinandersetzung mit den großen politischen Theoretikern: Erst eine Stellungnahme, die deren kritischem Einspruch standhielt, konnte sich öffentlich sehen lassen. So wurde aus einer liberalen Grundhaltung eine Form liberalen Denkens und Argumentierens.

Bei alldem hatte Iring Fetscher einen ausgeprägten Sinn für Ironie. Er schätzte nicht nur die Autoren in der Geschichte des politischen Denkens, die ihre Überlegungen mit gelegentlicher ironischer Distanz vortrugen, sondern bediente sich auch selber gern dieses Stilmittels. Es war für ihn zugleich ein Erkenntnisinstrument. In der breiten Öffentlichkeit am bekanntesten wurde denn auch sein kleines Buch „Wer hat Dornröschen wachgeküsst?“, in dem er die Märchen der Brüder Grimm in einer munteren Mischung aus psychoanalytischen und marxistischen Deutungsansätzen gleichermaßen verwirrte und neu ordnete. Dabei erzählt er den Märchen eine neue Bedeutung hinzu und holte gleichzeitig den Gestus bittersten Ernstes, mit dem der Marxismus und die Psychoanalyse von ihren jeweiligen Anhängern zelebriert wurden, ins Spielerische der Deutungslust zurück.

„Arbeit und Spiel“ hat Fetscher eine seiner Aufsatzsammlungen betitelt. Das war durchaus programmatisch für ihn selbst: In einer spielerisch gehandhabten Hermeneutik realisierte sich die Liberalität seines Denkens. Aber dem heiteren Spiel der Interpretation stand bei Fetscher dann immer auch der Ernst der Auseinandersetzung um politisch bedeutsame Fragen gegenüber, etwa bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik der späten sechziger Jahre oder in der Auseinandersetzung mit dem Linksterrorismus der siebziger Jahre. Und bei den Reaktionsmustern im „Deutschen Herbst“, schließlich bei der Thematisierung ökologischer Fragen in der politischen Agenda. Das war harte Arbeit und ein „Bohren dicker Bretter“, für das sich Iring Fetscher, sonst ein Liebhaber des intellektuellen Floretts, nicht zu schade war. Auch nicht in seiner Funktion als kritischer Sozialdemokrat und Mitglied von deren Grundwertekommission in den 70er Jahren.

Wer, wie ich, das Vergnügen hatte, Fetschers Schüler und Mitarbeiter gewesen zu sein, hat beide Seiten, das heiter Spielerische der Interpretation und den großen Ernst der politischen Kontroverse, als vorbildhaft erfahren und sich daran orientiert. Am Samstagmorgen ist der große Politologe Iring Fetscher mit 92 Jahren in Frankfurt am Main gestorben.

Herfried Münkler lehrt Theorie der Politik am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt erschien sein Buch „Der Große Krieg. Die Welt 1914 – 1918“ (Rowohlt Berlin). Gemeinsam mit Iring Fetscher brachte er unter anderem „Pipers Handbuch der politischen Ideen“ heraus.

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