Zum Tod von Karl-Ernst Herrmann : Der Weltraumkünstler

Er war einer der einflussreichsten Bühnenbildner des deutschen Theaters der letzten 50 Jahre. Jetzt ist der grandiose Inszenator Karl-Ernst Herrmann gestorben.

Karl-Ernst Herrmann 2006 auf dem Bertolt-Brecht-Platz vor dem von ihm geschaffenen Brecht-Monument.
Karl-Ernst Herrmann 2006 auf dem Bertolt-Brecht-Platz vor dem von ihm geschaffenen Brecht-Monument.Foto: p-a/dpa/Claudia Esch-Kenkel

Nach dem Tod des großen Wilfried Minks nun auch Karl-Ernst Herrmann, einst zu legendären Bremer Theaterzeiten Minks’ Assistent. Schon seit dem Ende der 1960er Jahre war Herrmann, der am Sonntag mit nicht ganz 82 Jahren an einem schweren Nierenleiden in einem Berliner Krankenhaus gestorben ist, freilich selbst ein grandioser Meister des Bühnenraums.

Wie kein anderer prägte er ab 1970, während der Ära von Peter Stein, als Szenenbildner das Gesicht der damals neuen Berliner Schaubühne. Machte: Welttheater. Und viele Triumphe von Claus Peymann, seinem zweiten engsten Partner, wären zu dessen Stuttgarter, Bochumer, Wiener und zuletzt Berliner Direktorenzeiten, ohne Herrmanns Räume so nicht möglich gewesen.

Künstler wie Minks, Herrmann und als letzter dieser drei wunderbaren Musketiere der noch lebende und schöpferisch arbeitende Achim Freyer, sie haben als einflussreichste deutsche Bühnenbildner des vergangenen halben Jahrhunderts Theateraufführungen nicht einfach nur mit Kulissen, Requisiten, Lichteffekten illustriert, untermalt und symbolisch behängt. Vielmehr haben sie für Schauspiele und Opern die jeweiligen Räume als Rahmen wie zugleich als perspektivische Weiterungen geschaffen. Für die mitdenkende Fantasie der Akteure und Zuschauer. Aus ihren Spielräumen wurden so im schönsten Fall auch Welträume – Kunst und Leben, Dichtung und Wahrheit für ein paar Theaterstunden konfrontierend und utopisch versöhnend.

Er war fast unheimlich produktiv

Über Karl-Ernst Herrmann, einen eben noch lebenden Klassiker, jetzt in der Vergangenheitsform schreiben zu müssen, wirkt fast unwirklich. Denn gerade noch hat er für Claus Peymanns Rückkehr nach Stuttgart, an den Ort früher gemeinsamer Erfolge, sein letztes Bühnenbild gemacht, für Shakespeares „Lear“: ein schwarzer Raum für das Nachtstück des abgedankten Königs, die Spieler treten durch schwarze Glastüren auf, und den Boden der Handlung markiert eine weiße Kreislinie. Wie ein Weltkreis. Oder ein Kinderspielfeld (für Lear, den Weltgreis). Das dunkle Glas als claire-obscure, Transparenz und Geheimnis, dazu ein ebenso ordnendes wie menetekelndes Kreidezeichen – Grund genug für jeden Abgrund. Einfach. Genial. Heute und morgen ist das als Gastspiel auch bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen. Ein Requiem.

Geboren 1936 in der Oberlausitz, ab 1957 Student an der Berliner Hochschule der Künste und später, bis zum Jahr 2000, selbst Lehrer an der Münchner Kunstakademie, war Herrmann fast unheimlich produktiv: als Szenenbildner und seit über dreißig Jahren auch als Regisseur vor allem in der Oper, oft zusammen mit seiner dramaturgisch bewanderten Ehefrau Ursel Herrmann. An der damaligen Schaubühne am Halleschen Ufer wirkte er1970 mit an Peter Steins Einstandsinszenierung, Gorki/Brechts „Mutter“; er entwarf dort die Bühne für Peymanns Uraufführung von Peter Handkes „Ritt über den Bodensee“ und wurde dann im selben Jahr 1971 mit kaum 35 richtig berühmt. Für Steins an zwei Abenden gezeigten, über siebenstündigen „Peer Gynt“ verwandelte Herrmann den ersten Stock des ehemaligen Arbeiterwohlfahrtshauses am Halleschem Ufer in eine Mischung aus Zauberkiste, Stadion und Corrida.

Jetzt herrscht Trauer im Welttheater

Die Zuschauer saßen auf steilen Tribünen, an den Schmalseiten und inmitten des Spielfelds, auf dem das Ibsendrama um Peers Lebensweltreise furios fantastisch erzählt wurde, türmten sich Gebirge, erstreckten sich Wüsten, und im Ägypten-Akt erhob sich am Rand der Pyramiden eine schier fabelhafte Nachbildung der Sphinx.

Diese Szenerie allein schon war eine Sensation, die Theaterfans aus aller Welt nach Berlin-Kreuzberg lockte. Wunderbar, weil wunderbar einfach dann kurz danach Herrmanns heller Rundhorizont für Steins Version von Kleists Traumnachtstück des „Prinzen von Homburg“. Oder 1984 sein unvergessener, fünfzig Meter tiefer russischer Birkenwald am Ende der „Drei Schwestern“, Peter Steins Tschechow-Panorama in der neuen Schaubühne am Lehniner Platz. Hermanns Werk – eine Fülle der Gesichte. Mindestens erwähnen muss man noch die Bochumer, Wiener, Berliner Bühnen für Peymanns Aufführungen der Stücke Thomas Bernhards, bis 2011 für „Einfach, kompliziert“, früher die zur Ikone gewordene Giraffe und Palme im Bochumer „Nathan“, die diabolischen dunklen Gullys und Eisengatter bei Peymanns Wiener „Richard III.“ (mit Gert Voss), der grüne Irrgarten für Luc Bondys Berliner Schaubühneninszenierung von Marivaux’s „Triumph der Liebe“ oder die Mischung aus Boxring und Schiffsreling für Gert Voss’ und Ignaz Kirchners Zweikämpfe als Othello und Jago in George Taboris Wiener Shakespeare-Version. Von Brüssel bis Salzburg und Berlin hat Herrmann bis fast zuletzt noch auch als Opernregisseur mit Mozart oder Händel triumphiert. Jetzt herrscht Trauer. Im Welttheater.

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