Trauern war Mitscherlichs Lebensthema

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Zum Tod von Margarete Mitscherlich : Die Trauer der Anderen

„Trauern nimmt man sich nicht vor. Das überfällt einen, und dann muss man da durch“, sagte Margarete Mitscherlich in einem Interview. Oft auch ist Trauer verbunden mit Enttäuschung, mit Wut, mit Verlassensein. Auf diese Ambivalenz hat Mitscherlich immer wieder hingewiesen, denn sie wusste um die Schuldgefühle, die viele ihrer Patienten wegen solcher Gefühle quälten. Ein Mensch, der immer da war, ist weg. Einfach so. Das bleibt auch nach einem langen Leben so.

Für Margarete Mitscherlich war Trauern ein Lebensthema. Es hat sie in Deutschland bekannt gemacht. Geboren 1917 als Margarete Nielsen, Kind eines Dänen und einer Deutschen, studierte sie während des Zweiten Weltkriegs Medizin und Literatur in Heidelberg. Nach dem Krieg ging sie in die Schweiz und lernte dort Alexander Mitscherlich kennen, fand durch ihn zur Psychoanalyse. Ins Nachkriegsdeutschland zurückgekehrt, versuchten die beiden mit Hilfe der „Neurosen der Patienten“ die „Katastrophe drittes Reich“ zu verstehen.

Ihnen sei bald klar geworden, schrieb die Analytikerin später, dass die Vergangenheit abgeschlossen sein müsse, um Gegenwart herzustellen. „Ohne Trauerarbeit war und ist das nicht zu leisten.“ Die Trauer als Arbeit und Anstrengung. Als Bewältigungsmethode.

Gemeinsamer Abschied.
Gemeinsamer Abschied.Foto: dapd

Neben der privaten Trauer brauchte es für Alexander und Margarete Mitscherlich nach dem Zweiten Weltkrieg eine „kollektive Trauer“. Die Deutschen als Gesellschaft aber lebten in einer Schockstarre, einer „Unfähigkeit zu trauern“. Statt um verlorene Ideale zu weinen und damit auch die eigene Schuld und Mitverantwortung an den Verbrechen anzuerkennen, hätten sich die Deutschen sofort in den Wiederaufbau gestürzt. Aber nur das Beschäftigen mit dem verursachten Leid, auch in nachfolgenden Generationen, könne Wiederholung verhindern.

Als die Trauerfeier vorbei ist, stehen die schwarz gekleideten Menschen vor der Totenhalle. Es wird viel gelacht, die Anspannung ist raus. Trauerfeier – heißt es ja auch. Die Sonne scheint auf die Bäume und Wege des riesigen Friedhofsgeländes, das umschlossen ist von zwei kleinen Friedhöfen in direkter Nachbarschaft: dem Neuen und dem Alten Jüdischen Friedhof. Sie liegen dicht an dicht.

„Es gab Diskussionen über den Umgang mit dem Holocaust, seit ich mich erinnern kann“, sagt Matthias Mitscherlich. „Nicht nur am Abendbrottisch, auch am Mittagstisch, es hat immer sehr großen Raum bei uns eingenommen.“ Die drei diskutierten untereinander, oft waren aber auch Freunde zu Besuch, die bis spät in die Nacht blieben. So erinnert sich Matthias Mitscherlich gern an seine Eltern: beim liebevollen Streit in diesen abendlichen Gesprächen.

Zu trauern erleichtere letztendlich das Leben, das betonte Mitscherlich immer wieder und schlug selbst die Brücke zwischen der kollektiven und der individuellen Trauer. Das Gute an der kollektiven Trauer sei doch, dass sie gemeinsam durchzustehen sei. „Trauer ist ein Wunsch, doch nicht ganz verloren und verlassen zu sein, wieder zusammenzugehören“, sagte sie. Die individuelle Trauer, sagte sie damit implizit, sei dagegen etwas, durch das jeder allein durchmüsse.

Diese Erfahrung blieb auch ihr nicht erspart. 1982 starb Alexander Mitscherlich, da war sie erst 64. Ganz anders als Margarete Mitscherlich litt er lange, war zehn Jahre schwer krank. „Uns alle, aber besonders meine Mutter hat das sehr hart getroffen“, sagt Matthias Mitscherlich. Sie sei es gewohnt gewesen, ihre Gedanken immer mit ihm teilen zu können. Sie selbst erzählte, dass sie manchmal habe mit der Faust auf den Tisch hauen wollen und ihn anschreien, dass er doch spinne. Aus Hilflosigkeit. Als er dann schlussendlich einschlief, hatte es etwas von Erlösung. Auch dieses Gesicht können der Tod und die Trauer haben. Sie vermisste ihn die ganzen kommenden 30 Jahre.

Bald wird die Familie Margarete Mitscherlich neben ihrem Mann im Doppelgrab beerdigen. Es liegt ganz hinten im alten Teil des Friedhofs. Sie werden bei der Beerdigung unter sich sein.

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