Zum Tod von Neil Simon : New Yorks seltsame Paare

Die Welt als Witz und Bühnenvorstellung: Zum Tod des amerikanischen Erfolgsdramatikers Neil Simon.

Der Dramatiker Neil Simon, geboren 1927, gestorben 2018.
Der Dramatiker Neil Simon, geboren 1927, gestorben 2018.Foto: dpa

Während der Jahre der Großen Depression war er ein kleiner netter Junge in New York. Er galt als freundlich, wenn nicht brav, und er war sehr unglücklich. Seine Eltern aus der unteren jüdischen Mittelschicht der US-Metropole stritten sich heftig, die Ehe stand des Öfteren am Abgrund, wenn der Vater aus der Wohnung stürmte und monatelang nicht zurückkehrte. Der Sohn, Neil Simon, wird sich Jahrzehnte später in seiner Autobiografie „Rewrites“ an die wenigen Male erinnern, in denen in der Familie gelacht wurde. Glücksmomente waren das, denn „sie bedeuteten Sicherheit“.

Lachen war für ihn mehr als ein Affekt, mehr als ein Effekt. „Wenn das Publikum lachte, fühlte ich mich erfüllt.“ Es sei ein Zeichen der Bestätigung gewesen, ein Zeichen, akzeptiert zu sein.

Wen, wenn nicht Neil Simon, muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen. Er war der unumschränkte König des Broadway, in den 60er Jahren liefen vier seiner Stücke gleichzeitig auf New Yorker Bühnen, er sammelte unzählige Medienpreise ein – Golden Globes, Emmys, Tonys, Pulitzer-Preis. Dem Dramatiker gelang mit seiner Kunst, was wirklich eine Kunst ist: ein Publikum zum Lachen zu bringen, ohne es dabei zum Brüllaffen zu machen.

In seinen besten Stücken, Drehbüchern und Musical-Librettos hat er die „punch lines“ mit den Stoffen verwoben. Seine Figuren sind keine Witzfiguren, keine Freaks, keine Weltenlenker, es sind Menschen aus der Alltäglichkeit des urbanen New York. Menschen in der täglichen Auseinandersetzung mit sich selbst, dem Partner, der Familie, den Umständen, die sich mit Witzen und Witzigkeit aus einer unangenehm verdichteten Situation befreien können. Für kurz, für lang – immer zum Vergnügen der Zuschauermillionen. Sich und ihr Leben, ihre Ängste und Abgründe sahen sie in „The Odd Couple“ (1965), „Barefoot in the Park“ (1963) und in den 80er Jahren in der autobiografischen Trilogie („Brighton Beach Memoirs“, „Biloxi Blues“ und „Broadway Bound“) gespiegelt und im doppelten Wortsinne aufgehoben.

Über drei Dekaden hinweg schrieb er Jahr für Jahr ein Stück

Neil Simon war ein Menschenbeobachter par excellence, er holte das Leben auf die Bühne, indem er Leben und Lebewesen als Material für Bühne, Film und Musical „ausplünderte“. Als seine Frau ihm einmal ein tiefgefrorenes Kotelett an den Kopf warf, wischte er sich das Blut weg, erkannte die Situation und schrieb mit „Ein seltsames Paar“ einen Bühnenwelterfolg, der mit Walter Matthau und Jack Lemmon zum Kinowelterfolg wurde, bis heute immer wieder neu adaptiert. In der Werke- und Weltwelt des Neil Simon, geboren übrigens am amerikanischen Unabhängigkeitstag, konnten sich Amerika und ein beträchtlicher Teil der übrigen Welt wiederfinden.

Der Dramatiker hat über drei Dekaden hinweg Jahr für Jahr ein Stück verfasst und auf die Bühne gebracht, da war sein Speicher wieder voll, da hatte sich genug Stoff angesammelt. Er hat für mehr als zwanzig Filme, darunter „Plaza Suite“ (1968) oder „The Sunshine Boys“ (1974), Drehbücher verfasst. Der Dramatiker hat klug kalkuliert und sich, je länger seine lange Karriere andauerte, in eine privilegierte Position geschrieben. „Für einen Menschen, der sein eigener Herr sein will, von niemandem abhängig, der nur seinen eigenen Visionen folgen und nicht den Vorlagen anderer, ist Dramatiker die perfekte Beschäftigung.“

Simon hielt die Produktion und die Qualität seiner Hits auf der Mittellinie. Nur selten suchte er das Extrem, zumeist verortete er seine Personage in New York City, als Stadtschreiber vergleichbar mit dem Stadtfilmer Woody Allen. Simons Theaterkomödien und Allens Filmkomödien schöpfen aus ähnlichen Milieus, wobei Allens Szenerie kosmopolitischer ist, intellektueller, neurotischer. Ohne Allens Humor-Orientierung, ohne Simons Humor-Nuancierung wäre der immense Erfolg der Fernsehsitcom und speziell von „Seinfield“ nicht denkbar. „The Odd Couple“ und „Der Stadtneurotiker“ haben den Weg gewiesen.

Wie Woody Allen verdingte er sich als Witzeschreiber fürs Fernsehen

Neil Simon und Woody Allen kannten sich, sie waren Kollegen, als sie sich beide als Witzlieferanten fürs Fernsehen verdingten. Ein harte Schule, in der man sich als Zyniker ein Leben lang verlieren kann – oder sie für später nutzt, wenn ein Witz aufs Publikum hin geschliffen wird. Neil Simon war da nicht alleine. Sein älterer Bruder Danny hatte ihn als Autor entdeckt. Gemeinsam schrieben sie Sketche fürs Radio und fürs Fernsehen, da hatte Neil seinen Job in der Poststelle von Warner Brothers schon geschmissen. Die Brüder trennten sich, Danny ging nach Hollywood – und Neil wurde Neil Simon. Der Bühnen- und Filmerfolg, der ihm wie ein treuer Hund auf den Fersen blieb, wiederholte sich in seinem Privatleben nur bedingt. 1973 starb seine erste Frau nach rund 20 Jahren Ehe. Dreimal heiratete er danach wieder, Diane Lander sogar zweifach. 2004 musste sich der Vater von drei Kindern einer Nieren-, drei Jahre später einer Lebertransplantation unterziehen. Der „New York Times“ erzählte er 1991, „all mein Erfolg hat mich in einer bestimmten Weise erniedrigt: Die Kritik denkt, wenn einer zu viele Hits schreibt, dann können sie nicht gut sein“.

Am Sonntag ist Neil Simon mit 91 Jahren in seiner Heimatstadt New York gestorben.

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