Zwischenbilanz "Tanz im August" : Armee aus Zucker

Aufwühlende Abende beim Berliner "Tanz im August": Neue Stücke von Jérôme Bell und Anne Nguyen aus Frankreich sowie von der Irin Oona Doherty.

Oona Doherty während der Fotoprobe für die Tanzperformance "Hard To Be Soft - A Belfast Prayer" im Rahmen des Festivals Tanz im August im Hebbel am Ufer
Oona Doherty während der Fotoprobe für die Tanzperformance "Hard To Be Soft - A Belfast Prayer" im Rahmen des Festivals Tanz im...Foto: imago images / Martin Müller

In ihrem autobiografischen Buch "My Life" schreibt Isadora Duncan: "Ich habe nur mein Leben vertanzt." Die Amerikanerin, die 1927 in Nizza auf tragische Weise ums Leben kam, entwickelte in der Auseinandersetzung mit der Kunst der griechischen Antike einen neuen, freien Tanzstil. Der französische Choreograf Jérôme Bel widmet der Tanzikone nun eine Hommage: "Isadora Duncan" erlebte seine Uraufführung beim Festival "Tanz im August".

Die Aufführung im Deutschen Theater mutet teilweise wie eine Lecture an. Bels Assistentin Sheila Atala zeichnet,am Computer sitzend, die künstlerische Entwicklung Duncans nach. Dabei verknüpft sie Ereignisse in Duncans Leben mit bestimmten Tänzen. Der Star des Abends ist die 69-jährige Tänzerin Elizabeth Schwartz, eine renommierte Duncan-Expertin. Duncans höchst persönlicher Tanzstil lässt sich nicht rekonstruieren. Aber zu sehen, wie Schwartz als überaus feinsinnige Interpretin in  ihre Fußstapfen tritt, ist faszinierend. Sie tritt in einer losen Tunika auf, so wie „die Göttliche“ sie trug – Duncan kämpfte für die Befreiung des weiblichen Körpers und war eine Feministin avant la lettre. Anfangs fühlt man sich ein wenig wie in einem Museum, etwa wenn Schwartz das Dionysos-Solo demonstriert. Auch die Natur hat Duncan inspiriert – das ist in „Water Study“ zu sehen. Von den 40 Tänzen, die mündlich überliefert wurden von Generation zu Generation, kommen nur einige wenige zur Aufführung. Bel zeigt auch, welche Rolle die Sprache bei der Weitergabe der Tänze spielt. „Welle“, Splash“ oder „Begehren“ - die Worte, die die Duncan-Anhängerinnen gefunden haben,  öffnen hier weite Assoziationsräume. Auch die Zuschauer werden eingeladen, einen Tanz von Isadora Duncan zu erlernen. Das machen sie ganz wunderbar.

Nguyen war Weltmeisterin im Breakdance

Eine Pionierin ist auch die Französin Anne Nguyen. Die Choreografin, die Weltmeisterin in Breakdance war, hat den Hip-Hop zur Bühnenkunst weiterentwickelt.  Wie sie in dem Gruppenstück "Kata", das sie für ihre Compagnie par Terre kreiert hat, Breakdance und Martial Arts, ist aufregend. Die acht Performer haben jede Menge Powermoves drauf, sie zeigen atemberaubende Spins und  Arm-Balancen, immer neue Varianten des B-Boying-Vokabulars. Den fabelhaften Tänzern gelingt es spielend, die Techniken der Kampfkunst  zu integrieren und Energielinien sichtbar zu machen. Die Zweikämpfe sind anmutig und abwechslungsreich choreografiert. Dabei hängt Nguyen keinem überholten Samurai-Ideal an. Ihre Tänze muten wie urbane Krieger an, die sich in einer feindlichen Umwelt behaupten müssen. Anne Nguyen holt keine reine Jungsclique auf die Bühne. Die Tänzerin Valentine Nagata-Ramos ist eine elegante Kriegerin, die die asiatische Kampfkunst-Philosophie besonders gut verkörpert - sie kann es durchaus mit den Jungs aufnehmen und kämpft auch schon mal mit den Waffen einer Frau.

Doherty setzt sich mit der Gewalt in ihrer Heimatstadt Belfast auseinander

Eine Entdeckung ist die junge irische Choreografin  Oona Doherty. In „Hard to be Soft – A Belfast Prayer“ setzt sie sich mit der Gewalt in ihrer Heimatstadt Belfast auseinander. Der Duft von Weihrauch schwängert das Hebbel-Theater, sakrale Gesänge erklingen. Wenig später sind die Stimmen junger Männer aus dem Dokudrama „Wee Bastards“ zu hören, das den Krieg auf den Straßen der nordirischen Hauptstadt schildert. Doherty eignet sich Elemente der katholischen Liturgie an und durchsetzt ihr Tanzritual zugleich mit Einsprengseln realer Brutalität. Ihr anfängliches Solo tanzt sie vor Gitterstäben, später wird die ganze Bühne zum Käfig. Doherty hat auch mit jungen Laiendarstellerinnen aus Berlin eine Szene erarbeitet, die sie „Sugar Army“ nennt. Doch es sind vor allem ihre Soli, die fesseln. Sie nimmt die Aggressionen, die von den Stimmen ausgeht, in sich auf. Sie verwandelt sich auf verblüffende Weise in einen Macho, demonstriert Drohgebärden, greift sich in den Schritt.  Ihr ganzer Körper ist in Aufruhr, sie zuckt zusammen wie getroffen von unsichtbaren Schlägen, teilt selber aus.

Wegen einer technischen Panne muss Oona Doherty  die Vorstellung vorzeitig abbrechen. Sie kann nur wenige Zeilen eines Gedichts vortragen, das um Schmutz und Glorie kreist. Beim anschließenden Publikumsgespräch rezitiert Doherty das vollständige Gedicht mit ungestümer Energie – ein schöner Schluss für diesen aufwühlenden Tanzabend.

 

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