ARD-Film "Fremder Feind" : Der Mensch ist des Menschen Wolf

"Fremder Feind": Ulrich Matthes kämpft mit sich, der Einsamkeit, seinem Geschlecht. Dass er dabei so glänzen darf, liegt auch am Drehbuch von Hannah Hollinger.

Jan Freitag
Wer bist du, wo bist du? Arnold (Ulrich Matthes) lässt sich auf einen Krieg gegen den gesichtslosen Fremden ein.
Wer bist du, wo bist du? Arnold (Ulrich Matthes) lässt sich auf einen Krieg gegen den gesichtslosen Fremden ein.Foto: WDR/Schiwago Film

Die Einsiedelei, welch schönes Wort, ist zusehends kompliziert. Suchten Menschen, Männer meist, früher nach der Einöde, um das Weite zu suchen und sich selber zu finden, dann gingen sie in den Wald: Holz sammeln, Hütte bauen, Hasen jagen, fertig war die Ermitage, wie es auf Französisch noch schöner heißt. Und jetzt? Ist die Welt so zersiedelt, dass der Weg dahin endlos ist und beschwerlich. Arnold (Ulrich Matthes) zum Beispiel kämpft sich mit Sack und Hund durchs Schneegestöber der Alpen, um zu suchen, zu finden und vor allem: zu vergessen. Denn Arnold hat seinen Sohn verloren.

Im „Krieg“.

So heißt die Vorlage eines Films, den die ARD gewohnt verzagt in „Fremder Feind“ umbenannt hat. Einen solchen Feind nämlich findet Arnold, als der überzeugte Pazifist vorm Schmerz über Chris' Soldatentod am Hindukusch in Österreichs Bergwelt flieht. Er findet ihn in Gestalt der Einsamkeit, die es dem Städter schwer macht. Er findet ihn in Gestalt eines Unbekannten, der Arnold grundlos nachstellt. Vor allem aber findet er den Feind in Gestalt seiner selbst. Und weil der Mensch dem Menschen, wie einst der Dichter Plautus schrieb, kein Mensch ist, sondern ein Wolf, rasseln alle drei mit jeder Sekunde dieses erstaunlichen Dramas mehr ineinander, bis die Einsiedelei zur weißen Hölle wird.

Ulrich Matthes' Augen

Dass sie so sehenswert ist, hat eine Menge Paten. Der erste ist Ulrich Matthes, der seinem Arnold oft mit der Klaviatur seiner Augen allein eine trotzige Entschlossenheit verleiht, mit der man es im realen Fall nicht zu tun kriegen will. Der zweite ist Barbara Auer als Ehefrau Karen, die in ständigen Flashbacks verzweifelt um eine Haltung zum Kriegseinsatz ihres Sohnes kämpft. Der dritte ist Leah Striker, deren Kamera den Kampf Mann gegen Mann gegen Natur gegen alle in einer Intensität einfängt, dass man im Bildschirm versinken möchte. Und auch der vierte Grund ist weiblich. Er heißt Hannah Hollinger.

Sie hat aus Jochen Rauschs Roman ein Drehbuch gemacht, das ergreifend und präzise auf den Punkt bringt, was darin relevant ist. „Trauer, Gewalt, Männlichkeit vor allem“, zählt die erfahrene Autorin auf, deren Werk seit ihrem Durchbruch mit Matti Geschonnecks „Die Mütter“ vor 16 Jahren zum Sperrigen zählt. Im Männerbusiness Film hat sie sich so nicht nur vom Branchengesetz emanzipiert, dass Frauen Frauenthemen – Liebe, Beziehung, Gedöns – machen.

Mainstream ist nicht ihre Sache: Drehbuchautorin Hannah Hollinger.
Mainstream ist nicht ihre Sache: Drehbuchautorin Hannah Hollinger.Foto: imago

Schon ihr Seriendebüt „Aus heiterem Himmel“ inszenierte ja Unerhörtes: eine Männer-WG mit drei Kindern, in der es zwar nie an Chaos, noch weniger jedoch an Zuwendung mangelt. So was war 1995, die CDU fand Vergewaltigung in der Ehe noch irgendwie okay, ein Novum – das die damalige Mittdreißigerin Hollinger nachhaltig für ein Themenfeld jenseits des Familiären qualifizierte. In hochgelobten Charakterstudien wie „Über Barbarossaplatz“ oder „Grenzgang“ bewies die gebürtige Bayerin fortan jenes psychologische Gespür für Abgründe gemischtgeschlechtlicher Kommunikation, das bis dato Kollegen vorbehalten war.

Autorin Hollinger kennt beide Rollenmuster

Vielleicht liege es daran, dass die studierte Sozialpädagogin allein lebe, früh den Vater verloren und dadurch „fast zeitlebens für mich selber gesorgt und oft beide Rollenmuster mit gelebt“ habe, wie sie selber sinniert. Die Kategorien „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ seien ihr jedenfalls fremd. Umso mehr treffe das Rollenmuster von „Fremder Feind“ da „einen wunden Punkt bei mir“. Während Arnold die Trauer gegen andere richtet, also handelndes Subjekt bleibt, richtet sie Karen bis zum totalen Kontrollverlust gegen sich. Dass daraus dennoch ein Film geworden ist, der Klischees nicht auswalzt, sondern seziert, liegt gewiss am ganzen Ensemble bis hin zu Regisseur Rick Ostermann. Erst Hannah Hollingers Dialoge aber sorgen in der Einsiedelei eines Mannes im Kampf gegen sich und andere für echten Tiefgang. Leicht verdaulich ist das nicht. Ist es bei dieser Autorin nie. Zum Glück.

„Fremder Feind“, ARD, Mittwoch, um 20 Uhr 15

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