Arte-Doku über Bürgerkrieg in Syrien : Dem Tod bei der Arbeit zuschauen

Eine Arte-Dokumentation über den syrischen Bürgerkrieg: In den stärksten Momenten schaut die Kamera einfach nur minutenlang hin.

Manfred Riepe
Reporter Carsten Stormer
Reporter Carsten StormerFoto: Carsten Stormer

Zwischen den Ruinen spielen Kinder Boccia. Nicht mit Kugeln, mit abgefeuerten Patronenhülsen. Solche Momentaufnahmen aus dem Arte-Dokumentarfilm „War Diary“ führen vor Augen, wie der Bürgerkrieg in Syrien zur gespenstischen Routine wurde. Seit fünf Jahren notiert Carsten Stormer, Reporter und Buchautor, derartige Bilder in sein audiovisuelles Kriegstagebuch. Der TV-Autor Marc Wiese hat die Materialfülle zu einer essayistischen Langzeitbeobachtung strukturiert. Ein wuchtiger Film. Er zeigt, wie es sich anfühlt, in Krisengebieten wie Aleppo leben zu müssen.

In den stärksten Momenten schaut die Kamera einfach nur minutenlang hin. Nach dem Abwurf einer Fassbombe werden Schwerverletzte in eine provisorische Klinik eingeliefert. Die Überlebenden, bedeckt mit Staub und Asche, sehen aus wie Geister. Ein Inferno aus Blut, Schreien und Schmerz. Mittendrin ein Arzt im grünen Kittel, äußerlich die Ruhe selbst. Im späteren Interview zählt er auf, an was es mangelt. Teile des Hospitals wurden weggebombt. Es gibt keinen Chirurgen, kein Equipment, und es fehlt an Personal. Trotzdem arbeitet er „24 Stunden am Tag“. Eine Mission Impossible.

Der Film visualisiert die beklemmende Topographie eines unübersichtlichen Häuserkampfs. Da die Front mitten durch die Stadt verläuft, haben Kämpfer der Freien Syrischen Armee, um nicht ins Visier lauernder IS-Truppen zu geraten, ein Labyrinth aus Gängen, Höhlen und Durchbrüchen errichtet. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit gleitet die bewegliche Handkamera durch die Ruinenlandschaft.

Ungewollt denkt man in diesen Momenten an jene Computerspiele, in denen solche Szenarien der Unterhaltung dienen. Und als hätte der Film diesen Gedanken erraten, zeigt er plötzlich einen Scharfschützen, der IS-Kämpfer anvisiert. "Das Töten von Menschen ist nicht gut", sagt er entschuldigend bevor er abdrückt.

Die Trauerarbeit ist nachvollziehbar

Der Film sieht dem Tod bei der Arbeit zu. Mehr noch: Wenn die Kamera für einen Moment durch das Zielfernrohr blickt, dann ist es, als ob wir, die Zuschauer zu Hause am Fernsehschirm, abdrücken. Mit diesem auf die Spitze getriebenen Realismus leistet der Film nebenbei eine subtile Form von Medienkritik.

Als erfahrener Kriegsreporter, der 2013 als einer der Ersten aus dem syrischen Krisengebiet berichtete, gelingen Stormer anrührende Beobachtungen, die das Chaos des Kriegs überragen. Bewegend sind die Porträts einer Gruppe Anfang-20-Jähriger, die als selbst ernannte Weißhelme Verletzte aus den Trümmern ziehen. Einer der Kids berichtet, wie er seinen noch lebenden Freund fand. Von einer Granate zerfetzt. Die Schilderung ist nüchtern. Seine Gefühle hat der junge Mann tief in seinem Inneren verschlossen. Wie sollte man sonst in der Welt überleben, in der im Minutentakt gestorben wird?

Anders als diese zurückhaltenden syrischen Weißhelme rückt der Reporter seine persönliche Betroffenheit zuweilen plakativ ins Bild. Stormer erzählt auch von seinem Freund und Kollegen James Foley, der 2014 von der IS-Miliz vor laufender Kamera enthauptet wurde: "Ich beweine deinen Tod und feiere dein Leben".

Die Trauerarbeit ist nachvollziehbar, zumal Stormer selbst nur knapp einer Entführung entging. Sie hätte aber etwas diskreter sein können. Man fragt sich auch, warum Wiese und Stormer ihre für sich genommen bereits unglaublich intensiven Bilder noch mit comicartigen Cartoons anreichern, in denen die Folterpraktiken des Islamischen Staates angedeutet werden. Trotz dieser Defizite ist "War Diary" ein über weite Strecken überzeugender, ein notwendiger Film. Er ruft einen schmutzigen Krieg in Erinnerung, der in der Medienberichterstattung zu einem Hintergrundrauschen abgeebbt ist.

„War Diary“, Mittwoch, Arte, 22 Uhr 55

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