Missbrauch von Kindern : Verschweigen, Vertuschen, Verbieten

Der Sender 3sat widmet dem Thema Missbrauch und Misshandlung von Kindern zwei Thementage.

Frauen als Täterinnen. Im Dokumentarfilm „Das dunkle Geheimnis“ von Florian Eichinger sprechen Frauen über den eigenen sexuellen Missbrauch.
Frauen als Täterinnen. Im Dokumentarfilm „Das dunkle Geheimnis“ von Florian Eichinger sprechen Frauen über den eigenen sexuellen...Foto: ZDF und Yoliswa von Dallwitz

„Du irrst dich, du lügst, es war nicht so, sei still, sonst …“ Laut oder leise hören Kinder, die missbraucht oder misshandelt wurden, solche Botschaften. Verschweigen, Vertuschen, Verbieten sind die Gefährten der Taten, wie das Vernichten von Akten oder Korrespondenzen. Ob in Familien, Kirchen, Schulen oder Sportvereinen, die Strategien der Täter, um Opfer mundtot zu machen, gleichen einander.

Inzwischen werden solche Dynamiken besser erkannt, und dazu trägt 3Sat diese Woche seinen Teil bei. Das beginnt am Mittwoch um 20 Uhr 15 mit Karin Bauers atmosphärisch dichter Dokumentation „Das System Jegge. Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik“ über den Schweizer Pädagogik-Guru Jürg Jegge, der ab den 1970er Jahren freie Schulprojekte gründete, wobei die „sehr intensiven Einzelbeziehungen“ zu Kindern seiner Befriedigung dienten. Warum wurde sein Tun über Jahre gedeckt? Antworten stecken hier oft zwischen den Zeilen der Interviewten.

Auf Frauen als Täterinnen weist um 21 Uhr 05 das Drama „Die Hände meiner Mutter“ von Florian Eichinger. Markus erinnert sich an lang verschüttete Teile seiner Kindheit. Er konfrontiert seine Mutter und die ganze brodelnde Familie – er sprengt das Schweigekartell.

Um 22 Uhr 45 wird der Dokumentarfilm „Das dunkle Geheimnis. Missbrauch in der Familie“ von Regisseurin Mechthild Gaßner zum ersten Mal gesendet. Statistisch erfährt jedes siebte Kind in Deutschland sexualisierte Gewalt, meist in der eigenen Familie. Geßner portraitiert drei erwachsene Betroffene, denen es gelungen ist, die Tabus zu lösen und sich auf eigene Weise dem Erlebten zu stellen. Welche psychischen und neurophysiologischen Prozesse frühe Traumata bewirken erklärt die Diplom-Psychologin Julia von Weiler.

Mehr als Fahndungsdruck notwendig

Um Cybergrooming und Übergriffe pädokrimineller Erwachsener geht es um 23 Uhr 30 in Wolfgang Lucks Doku „Gefährliche Lust – Der Kampf gegen Kindesmissbrauch“. Es geht auch um „Tatgeneigte“, die bewusst nicht oder nicht wieder straffällig werden wollen und Glück haben, wenn sie einen der raren Therapieplätze ergattern. Luck hat einen solchen Pädokriminellen begleitet, den Baden-Württemberger Michael. Der hatte im Fernen Osten Nacktfotos von Minderjährigen hergestellt und wartet in Deutschland auf seinen Prozess. Menschen wie er bräuchten „nicht nur Fahndungsdruck“, erklärt der Frankfurter Oberstaatsanwalt Andreas May, „sie brauchen auch Hilfe“.

Am Donnerstag zeigt 3Sat um 20 Uhr 15 die schockierende Doku „Wenn Eltern ausrasten“. Gewalt gegen Kinder ist gesetzlich seit dem Jahr 2000 völlig verboten, es gibt sie jedoch noch, in allen Milieus. Laut Bundeskriminalamt sterben drei Kinder pro Woche in Deutschland an Misshandlungen. Die engagierte Filmemacherin Liz Wieskerstrauch befragt unter anderem eine Expertin, die erkennt, ob es zu Blutergüssen, Prellungen, Knochenbrüchen oder Verbrennungen bei „Unfällen im Haushalt“ kam, oder ob sie anders zugefügt wurden.

Von Liz Wieskerstrauch ist derzeit in der arte-Mediathek auch die vieldiskutierte Dokumentation „Vererbte Narben. Generationsübergreifende Traumata“ zu sehen, die den Themenkreis der beiden Abende perfekt ergänzen kann. Direkt danach diskutiert Gert Scobel um 21 Uhr mit dem Kinderpsychiater Karl-Heinz Brisch vom Münchner Uniklinikum, der Kindheits- und Jugendforscherin Sabine Andresen und dem Sozialpsychologen Andreas Zick über psychische Gewalt. Warum seelische Grausamkeit so gefährlich ist wie Faustschläge, das werden Scobels Gäste all denen erklären, die so lange aushalten.

Zwei Abende voller Kinderkram?! Ja, zwei Abende voller Kinderkram – wie klug und wie notwendig. Dass solche thematische Ballung rar ist und auffällt, gehört selbst zur Symptomatik, der sich die beiden Abende widmen. Themenabende wie diese bei 3Sat sind auch deshalb Funksignale vom Leuchtturm der Aufklärung.

3Sat, Mittwoch, ab 20 Uhr 15: Das System Jegge. Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik. 21 Uhr 05: Die Hände meiner Mutter. Fernsehfilm. 22 Uhr 45: Das dunkle Geheimnis. Missbrauch in der Familie. 23 Uhr 30 Uhr: Gefährliche Lust – Der Kampf gegen Kindesmissbrauch. Donnerstag, 20 Uhr 15: Wenn Eltern ausrasten, 21 Uhr: Gert Scobel, Diskussion: Psychische Gewalt

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