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Hybride Biographien und Identitäten sind längst gesellschaftliche Realität.

© Illustration: Martha von Maydell

Tagesspiegel Plus

Der postmigrantische Blick: Das neue Selbstbewusstsein irritiert

Nachfahren von Einwanderern wollen mehrheimisch sein. Längst prägen sie die deutsche Gesellschaft - diese will das aber immer noch nicht wahrhaben.

Ein Essay von Erol Yildiz

Sechs Jahrzehnte nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei wird dieses Jubiläum in Deutschland mit Ausstellungen, Konferenzen und Veranstaltungen gefeiert: Sie alle versuchen, ein differenziertes Bild der Einwanderung aus der Türkei zu entwerfen und eine neue Erinnerungskultur zu etablieren, in der die Migrationsgeschichte als integraler Bestandteil deutscher Geschichte erscheint.

Andererseits sehen wir uns aber weiterhin mit dem gewohnten Dualismus von „einheimisch“ und „fremd“ konfrontiert, einer sortierenden Denkhaltung, die von Beginn an den Umgang mit den Zugewanderten und deren Nachkommen geprägt und eine gesellschaftliche Normalität erzeugt hat, die bis heute nachwirkt.

Dabei stehen längst nicht mehr die sogenannten Gastarbeiter der ersten Generation im Mittelpunkt öffentlicher Debatten, sondern inzwischen schon deren Kinder und Enkel, die ich als postmigrantische Generationen bezeichne. Sie sind seit Langem hier heimisch, stehen aber weiterhin unter öffentlicher Beobachtung und werden ständig mit der Frage konfrontiert, ob sie sich zugehörig fühlen oder nicht. Im Hinblick auf ihre Biografien werden automatisch fremde Herkunft, fremde Wurzeln ins Spiel gebracht.

Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!

Die Journalistin Ferda Ataman

„Wir stecken im ewigen Bringschuld-Status. Wir genießen nur Gastrecht“, so die in Berlin lebende Journalistin Ferda Ataman in ihrem 2019 erschienenen Buch „Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!". Die Literaturkritikerin Elke Heidenreich zeigt mit ihren jüngsten Äußerungen zum Umgang mit der grünen Nachwuchspolitikerin Sarah-Lee Heinrich, wie wenig sensibilisiert offensichtlich viele Menschen im Hinblick darauf sind, was Nachfahren von Migranten als diskriminierend empfinden.

Daher brauchen wir eine Denkhaltung, die solche tradierten Zuschreibungen hinterfragt und ein differenziertes Verständnis vergangener und gegenwärtiger Entwicklungen entwirft. Einen solchen Zugang nenne ich – analog zur eben beschriebenen Situation – einen postmigrantischen Blick, durch den ignorierte, marginalisierte Migrationserfahrungen und Geschichten zutage treten.

Wie die Veranstaltungen zum 60-jährigen Jubiläum demonstrieren, können die Angehörigen der ersten Migrationsgeneration eigentlich als Vorboten der heute allgegenwärtigen Transnationalisierung gelten. Unter schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen mussten sie ihre familiären (Um-)Wege und Lebensentwürfe organisieren, eine Kultur der Selbstständigkeit entwickeln.

Ankunft türkischer Gastarbeiter in Düsseldorf 1961.
Ankunft türkischer Gastarbeiter in Düsseldorf 1961.

© Wolfgang Hub / dpa

Dabei wurden die Verbindungen zu ihren Herkunftsorten keineswegs aufgegeben. Vielmehr entwickelten sich vielfältige Formen der Mobilität, es etablierten sich neue soziale Bindungen und familiäre Netzwerke, die für die Lebensentwürfe der betroffenen Menschen und Familien konstitutiv wurden, eine Art transkultureller Praxis von unten.

Diese Erfahrungen und Kompetenzen kamen jedoch in den offiziellen Migrationsgeschichten bislang kaum vor. Sie wurden allenfalls als desintegrativ eingestuft und abgewertet. Das vorherrschende Bild von Migration kursierte primär in Problemzusammenhängen, suggerierte vor allem Defizite und Nachholbedarf.

Doch das ändert sich gerade. Die vergessenen und ausgeblendeten Migrationserfahrungen und Mobilitätsgeschichten werden jetzt von den Nachfolgegenerationen ans Licht befördert, neu erzählt, mit Leben erfüllt und mit neuen Visionen verknüpft. Ein Vorreiter ist der Filmmacher Fatih Akin. In Hamburg geboren und aufgewachsen erzählt er in seinen Filmen auf eindrucksvolle Weise von grenzüberschreitenden menschlichen Beziehungen und zirkulären Bewegungen. Es geht um verwobene Geschichten, Vermischungen und Überschneidungen, die er mit seinen familiären Migrationserfahrungen und eigenen Zukunftsvisionen verbindet. Die nationale Sicht der Dinge mit ihren alten Gewissheiten erscheint darin zunehmend fragwürdig. Die neuen Geschichten erzählen von der Rückseite, werfen andere Fragen auf, entwerfen andere Biografien.

Der Barber Shop Kücük Istanbul von Hussein Seif (Archivbild) in Berlin-Neukölln.
Der Barber Shop Kücük Istanbul von Hussein Seif (Archivbild) in Berlin-Neukölln.

© Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Postmigrantische Generationen, die sich wie ihre Vorfahren mit negativen Zuschreibungen auseinandersetzen müssen, haben gelernt, mit mehrdeutigen Lebenswirklichkeiten umzugehen. Das Dazwischensein gehört für sie zur Normalität, zum Lebensentwurf. Dino Izic alias Rapper Dynomite, der als Kind mit seinen Eltern vor dem Jugoslawienkrieg als Flüchtling nach Wien kam, drückt das so aus: „Mittlerweile fühle ich mich schon angekommen, weil ich gemerkt habe, dass dieses Dazwischen das ist, was mich ausmacht.“

Migranten und ihre Nachfahren gehören zu den Vorreitern in einer globalisierten Welt.

Erol Yildiz

Damit gehören sie zu den eigentlichen Vorreitern in einer globalisierten, sich ständig verändernden Welt. Aus ihren biografischen Erfahrungen heraus haben sie die unerlässliche Fähigkeit entwickelt, mit Mehrdeutigkeit, Ambivalenzen und Ungewissheit umzugehen. Die Gesellschaft postmigrantisch zu denken, bedeutet, dass Migrationserfahrungen normalisiert werden und der Blick dafür geschärft wird, wie vielfältig, hybrid und mehrdeutig gesellschaftliche Wirklichkeit und Biografien sind. Und dass dies keine Ausnahme ist, sondern gesellschaftliche Normalität.

Doch statt ihre hybride Lebenswirklichkeit anzuerkennen und als gesellschaftliche Ressource zu nutzen, werden von Angehörigen der (post-)migrantischen Generationen permanent Integrationsleistungen und eine überhöhte Loyalität zu Deutschland verlangt. Vor einiger Zeit hörte ich ein Radiointerview, in dem ein Jugendlicher gefragt wurde, ob er sich integriert fühle. „Nein, danke! Ich war schon integriert“, entgegnete er schlagfertig. Diese Situation steht sinnbildlich für die paradoxen Seiten des Integrationsdiskurses. Geradezu reflexartig wird davon ausgegangen, dass Menschen, die hier geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden sind, oftmals erfolgreiche Bildungskarrieren durchlaufen haben, aber dennoch als nicht zugehörig wahrgenommen werden, bestimmte Integrationsleistungen erbringen müssten, die von Einheimischen nicht verlangt werden.

Die Angehörigen der postmigrantischen Generationen gehen heute viel offensiver mit ihrer Situation um als ihre Großeltern, erzählen ihre eigenen Geschichten, prägen das gesellschaftliche Leben mit – auch wenn dies öffentlich noch immer wenig wahrgenommen wird.

Betrachtet man die Bildungssituation der postmigrantischen Generation, so zeigt sich, dass ihre Bildungsabschlüsse in den vergangenen 30 Jahren kontinuierlich gestiegen sind. Unter den Nachfolgegenerationen wächst eine Schicht gut ausgebildeter junger Menschen heran, die jetzt in Führungspositionen drängen, wodurch aber auch strukturelle Konkurrenz und Ausschlussmechanismen in Gang gesetzt werden.

Der Fall der Journalistin Nemi El-Hassan zeigt: Diverse Biografien sind noch nicht akzeptiert

Die Antisemitismusvorwürfe gegen die Journalistin Nemi El-Hassan belegen, dass sich gesellschaftliche Institutionen immer noch nicht in der Lage sehen, die unterschiedlichen Sozialisationsprozesse von Menschen und deren biografische Erfahrungen anzuerkennen und damit angemessen umzugehen. Weltsichten werden zunächst stark geprägt durch Familiengeschichte, Elternhaus und Umfeld, von denen sich junge Erwachsene später ablösen können. In Familien mit Migrationsforschung dominieren oft andere Themen, Erfahrungen, Solidaritäten und entsprechend divers sind dann jugendliches (politisches) Engagement oder Selbstfindungsversuche. Auch die Bandbreite der Jugendsünden wird in einer vielfältigeren Gesellschaft automatisch größer.

Gut ausgebildete Menschen verlassen Deutschland

Vor allem aufgrund von Diskriminierung haben in den vergangenen Jahren zahlreiche junge Menschen aus Migrationsfamilien die Bundesrepublik verlassen und sind in die Herkunftsländer ihrer Eltern oder Großeltern ausgewandert. In Deutschland erleben sie regelmäßig, dass ihnen berufliche und soziale Chancen wegen ihres Namens, der vermeintlichen Herkunft, des religiösen Hintergrunds oder ihrer biografischen Erfahrungen verwehrt werden. In der Hoffnung, ihre fachlichen Kompetenzen, ihr kulturelles und soziales Kapital wie Mehrsprachigkeit und transnationale Verbindungen besser nutzen und sozial aufsteigen zu können, verlassen sie Deutschland.

In Istanbul kommen viele von ihnen in renommierten Firmen unter und bekleiden höhere Positionen. Für diese Unternehmen sind gut ausgebildete Personen, die die deutsche oder doppelte Staatsbürgerschaft besitzen, über ein gewisses Mobilitätswissen und türkische Sprachkenntnisse verfügen, attraktive Mitarbeiter. Sie verfügen über Ressourcen, die in Deutschland viel zu wenig Anerkennung finden.

Viele haben sich in Deutschland als Dauergäste gefühlt.

Erol Yildiz

Dort haben sich viele von ihnen ihr Leben lang als Dauergäste gefühlt. „Woher kommst du eigentlich?“, „Fühlst du dich deutsch oder türkisch?“ – das sind Fragen, die ihnen in Deutschland unzählige Male gestellt wurden. Warum wird man auf so eine Eindeutigkeit festgelegt? Könnte man nicht beides, könnte man nicht mehrheitlich sein? Warum wird die Fähigkeit, in und zwischen unterschiedlichen Welten denken und handeln zu können, nicht als kreative Leistung anerkannt?

Postmigrantische Stimmen verschaffen sich inzwischen Gehör, wehren sich gegen ethnisch-nationale Etiketten und setzen sich mit diskriminierenden Zuschreibungen auseinander. In einem Interview mit dem türkisch-deutschen „Renk Magazin“ äußerte sich Sinan Köylü, der Sänger des Indie-Pop-Duos „Sinu“, mit klaren Worten: „Lasst uns doch einfach mehr sein als nur das Eine! Es ist genug Platz für vielfältigere Identitäten, abseits von Nationalmythen und Fremdzuschreibungen.“

Die Arbeit der Regisseurin Shermin Langhoff, die das postmigrantische Theater in Berlin gegründet und geprägt hat, liefert prägnante Beispiele für solche uneindeutigen und eigensinnigen Biografien. „Ich glaube, dass jede gebrochene Biografie, sei es durch Migration oder andere Umstände, ein gewisses Potenzial in sich birgt“, sagt die Regisseurin.

Wenn man die Dinge aus diesem Blickwinkel betrachtet, wird deutlich, dass gerade die im Migrationsdiskurs lange Zeit problematisierten hybriden Lebensentwürfe eine wesentliche biografische Ressource sind. Es sind kreative Syntheseleistungen, die aber noch zu wenig gesellschaftliche Anerkennung finden.

Vielleicht sind wir auf dem Weg zu einer postmigrantischen, einer weltheimischen Gesellschaft, in der sich neue Räume des Möglichen, neue Denkhorizonte eröffnen. Postmigrantische Lebensentwürfe und Realitäten prägen jedenfalls längst das Gesicht der Städte. Die Kinder oder Enkelkinder der Gastarbeiterfamilien sind aus Kunst und Musik, Kabarett und Film, aus Wissenschaft, Journalismus, Zivilgesellschaft und Politik nicht mehr wegzudenken. Sie haben ein neues Selbstbewusstsein entwickelt und werden damit auch schrittweise das Selbstbild und die Selbstwahrnehmung der Gesellschaft verändern.

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